Boxen : Der Panke das Wasser abgegraben

HANNE BAHRA

Teil zwei unserer Serie von Wanderungen - zu Fuß oder mit dem Rad - durch das Berliner Umland führt uns mitten in die Stadt hinein und dann auf einer 34 Kilometer langen Strecke wieder heraus Richtung Bernau. Die grüne Seite Berlins, vielfach noch vom Staub der großen Baustellen verdeckt, erfährt eher im Stillen öffentliche Zuwendung. Mit dem Landschaftsprogramm gibt es seit 1994 ein behördenverbindliches Programm mit dem Stück für Stück bereits vorhandene Freiräume gepflegt und neue erschaffen werden sollen. Nach dem Wahn der 60 und 70er Jahre von der autogerechten Stadt, sowohl im Osten als auch im Westen, knüpft man damit an eine Tradition an, die 1870 mit dem ersten städtischen Gartendirektor Gustav Meyer, zuvor Mitarbeiter Peter Josph Lennés begann. 1910 gab es eine erste Gesamtplanung für Groß-Berlin, bei der die Freiraumentwicklung eine entscheidende Rolle spielte. Dem damals preisgekrönten "Jansen-Plan", nachdem Berlin durch einen kleinen inneren und einen großen äußeren Grünring gegliedert werden sollte, verdankt die Metropole noch heute den Kranz aus Parkanlagen, Kleingärten, Friedhöfen und die großflächigen Wälder und Felder. Neue Grünflächen kamen in den 50er Jahren auf den Trümmerbergen Berlins hinzu. Nun sollen Grünwege wachsen, die, wie der Panke-Wanderweg, die City mit dem Umland, Berlin mit Brandenburg verbinden.

"Von der Panke siehste nur noch ein Loch." Der alte Mann zeigt vom Tränenpalast rüber auf die Kaimauer vom Schiffbauerdamm mitten in Berlin. Viereckig gähnt das Mündungsmaul der Alten Panke und ist so trocken wie der Witz in Claire Waldorffs Lied: "Und steh` am Ufer ick der Panke,/möcht jleich ick wieda Leine ziehn: / Bei dem Jestanke, na ick danke / Ne dufte Stadt is mein Berlin. . .". Nichts konnte hier mehr stinken, weil nichts mehr floß, außer der Spree. Der Panke hatte man 1961 mit dem Mauerbau in der Chausseestraße den Hahn zum Oberlauf zugedreht. Seitdem speiste sich das Fließ mal aus Regen- mal aus Grundwassern. Doch mit der Öffnung der neuen Schleuse in Wedding soll wieder Pankewasser bis zur Spree hin fließen. 80 Prozent der Alten Panke wurden in den vergangenen Jahrzehnten verrohrt.

Heute wird sie mit Hilfe derer, die die Landschaft an anderer Stelle verbauen, Stück für Stück wieder sichtbar gemacht. Das fordert viel Verhandlungsgeschick, aber es entlastet das Staatssäckl. Immerhin noch 2,6 Millionen Mark investiert der Senat in dieses Projekt. Die Suche nach der Panke, die die Grünplaner des Berliner Senats als ökologischen Korridor nach Brandenburg wiederbeleben wollen, erweist sich streckenweise noch als schwierig. Der zu etwa vier Fünftel benutzbare Panke-Wanderweg zwischen Häuserschluchten, Stadtparks, Feldern, Wiesen und Bahndammidyllen, verliert sich immer wieder an Straßenkreuzungen, Autobahnen oder Trümmergrundstücken. Schwierig vor allem für Radwanderer.

Doch wer weiß, der findet. Auch in Mitte. Gleich um die Ecke, zwischen Reinhardtstraße 17 und 19, überbrückt ein schmiedeeisernes Brückengeländer die erst 1987 trockengelegte Häuserschlucht. So muß man sich die Alte Panke im Stadtinnern vorstellen: eine drei bis fünf Meter schmale Gracht zwischen Brandmauern.

Auf dem Gelände der einstigen Königlichen Tierarzneischule (durch Toreinfahrt Reinhardtstraße 2), auf dem die Veterinärmedizinischen Fakultät der Humboldt-Uni über 200 Jahre ihren Platz hatte, tritt die Panke endlich zu Tage. Sie liegt hier in einem stadttypischen Steinbett, wenn gleich auch in lieblicher Parklage. Mit dem Bau des nahegelegenen Charité-Hochhauses wurde Ende der 80er Jahre der Pankeabschnitt zwischen Philippstraße und Hessischer Straße verrohrt. Verläßt man heute den Uni-Park am nördlichen Ausgang, läßt sie sich hier, an der Philippstraße, zwischen neuen Klinkermauern wiedersehen.

An der Invalidenstraße am Platz vor dem Neuen Tor dagegen hat man die Panke seit 100 Jahren nicht mehr gesehen. Der Bau des Naturkundemuseums und die Anlage der Hessischen Straße zwang den kleinen Fluß bereits zwischen 1880 und 1900 ins unterirdische Rohr. Lange Zeit in den Sandhügeln neben dem Schwarzen Weg vergraben, soll sie demnächst wieder Teil eines repräsentativen Stadtraumes zwischen Bundeswirtschafts- und Bundesverkehrsministerium sein. Und wenn auf dem ehemaligen Gelände des Stadions der Weltjugend, das 1992 olympischen Hoffnungen weichen mußte, ein neues Stadtquartier steht, wird sie das blaue Band im dort neuangelegten Stadtpark. Bis dahin verläuft sie kaum sichtbar im hübschen, goldrautenumwucherten Lotterbett am Rande der Brache mit Volksgolfplatz und verschwindet auch sogleich wieder in einem Düker unter der Chausseestraße.

Auf der anderen Straßenseite ist der noch pankelose Südpankepark auf dem ehemaligen Gelände der Norddeutschen späteren Schultheissbrauerei Beginn eines vier Kilometer langen Grünstreifens, den man im dichtbesiedelten Wedding schon in den 50er Jahren mit Hilfe des Marshall-Planes anzulegen begann. An der Schulzendorfer Straße zweigt der ehemalige Schönhauser Graben das Pankewasser in den Berlin-Spandauer-Schiffahrtskanal. Hier ist aber auch der Punkt von dem aus die Alte Panke noch in diesem Jahr wieder mit Wasser gespeist werden soll.

Bis auf einen Schlenker über Gerichts- und Pankstraße führt die Weddinger Walter-Nicklitz-Promenade immer am Wasser entlang. Am Ende des Weges dient eine wildblumen- und grasüberwucherte Senke zum Auffangen eventueller Hochwasserallüren der Panke. Noch bis 1908 soll sie sich regelmäßig in einen reißenden Fluß verwandelt haben. Auch in der Nähe des S-Bahnhofes Wollankstraße ist die Panke vorsichtshalber zu einem Regenrückhaltebecken erweitert.

Die Pankower Panke flaniert nun vom sonnigen Bürgerpark mit Rosengarten, Musikpavillon und Imbißbude (wer nicht genügend Proviant mit hat, sollte sich hier auf die folgende Durststrecke einrichten), der 1907 aus einem Garten des Herausgebers der Berliner Börsenzeitung enstand, entlang der einstigen DDR-Promi-Meile zum schattigen Schönhausener Schloßpark. An dem Stück Panke zwischen den Parks, zu der noch kein Weg führt, wohnten einst Genossen wie Hilde Benjamin, Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl. Daneben siedelten sich Staatskünstler wie Johannes R. Becher und Fritz Cremer an.

Im Schönhausener Schloßpark und im parkartigen Garten des Krankenhauses in der Galenusstraße trifft man die Panke und muß sie doch an der Schloßallee schon wieder verlassen. Wenn dann die Kreuzung an der B1 überwunden ist, führt gleich linkerhand der Autobahnzufahrt ein Weg in eine Gegend, in der weidenumstandene Fischteiche Idylle vorgaukeln. Ein Stück weiter zweigt der Nordgraben Pankewasser zum Tegeler See, der bis Mitte der 80er Jahre die Abwasser der Pankower Rieselfelder schlucken mußte und an den Nährstoffrachten zu ersticken drohte. Inzwischen wird das Berliner Abwasser in neuen Kläranlagen greinigt. Dennoch, die Wasserqualität der Panke ist immer noch mies.

Hinter der Kleingartenanlage Pankewiese muß ein etwas mühsamer Wechsel über eine Brücke auf die andere Seite der Panke in Kauf genommen werden. Weiter Richtung Buch steht kräftiger Rainfarn neben Wildrosen. Und dröhnt auch immer die nahe Autobahn, hier haben noch der Rote Milan, die Löffelente und weitere 67 Vogelarten Lebensraum. Das Naturschutzgebiet Karower Teiche, einst ein Torfstich, ist ein schöner Rest alter Kulturlandschaft. Am Nordrand, in der Verlängerung des Schönerlinder Weges verläuft ein Stück der künftigen 21 Kilometer langen Barnimer-Dörfer-Tangente, die einmal den Berliner Barnim von Reinickendorf bis Marzahn verbinden wird. Zurück zur Natur als zukünftiger Pankepark Buch soll für die rund 15 000 Bewohner der umliegenden Neubaugebiete auch ein überwiegend noch versiegeltes Gelände der ehemaligen Zivilverteidigung geführt werden (hinter der nächsten Autobahnüberquerung durch den Bahntunnel).

Inzwischen hat sich die Panke auf die andere Seite des Bahndamms verzogen. Erst hinter der Grillhähnchenbude in Buch, im Schloßpark treffen Wanderweg und Panke wieder zusammen. Über den Röntgentaler Weg gehts ins Brandenburgische nach Zepernick. Hier wird die Suche nach dem Weg kompliziert: Beim Inntaler Weg in die Wiesen, Schönerlinder Straße queren, dann in die Poststraße. Der Weg zwischen Bistro und Bahn führt nach circa 300 Metern durch eine Bahnunterführung, dann links immer den Bahndamm entlang bis zu Baucontainern, dann in die Oderstraße bis zum Durchfahrtsverbotsschild, links halten, durch Kleingartenanlage zum Bahnhof Friedensthal, dann immer parallel zur Bahn, bis zum Autobahntunnel. Wenn hinter diesem Tunnel ein See liegt, stimmt die Richtung und bald ist man in Bernau und bald am Teufelspfuhl, ganz nahe an der Quelle der Panke.

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