Boxen : Der schrecklich nette Nachbar

In Wollin lebt ein Mann, der in Italien als Kriegsverbrecher verurteilt wurde. Die „alten Geschichten“ interessieren hier keinen. Eine Demo sollte das ändern

Johannes Boie

Wollin - „Bislang kannte man unseren Ort nur aus den Verkehrsnachrichten“, sagt ein Familienvater aus Wollin. „Die Autobahn ist direkt nebenan.“ Doch mit der Ruhe ist es jetzt vorbei. Am gestrigen Sonnabend demonstrierten rund 50 Menschen in der Wolliner Hauptstraße. Sie waren einem Aufruf des Berliner Vereins der Verfolgten des Naziregimes e. V. (BVVdN) gefolgt. Denn kürzlich wurde bekannt, dass in dem beschaulichen 1000-Einwohner-Ort der in Italien zu lebenslänglicher Haftstrafe verurteilte Kriegsverbrecher Karl Gropler lebt.

Der 82-Jährige hat nach Überzeugung der italienischen Justiz im August 1944 als Mitglied der 16. SS-Panzergrenadier-Division zusammen mit rund 300 weiteren Soldaten innerhalb weniger Stunden 560 Bewohner des kleinen Bergdorfs Sant’Anna in Italien ermordet. Die Aktion wurde unter dem Deckmantel der „Partisanenbekämpfung“ durchgeführt. Auch in Deutschland ermittelt nun die Staatsanwaltschaft. Bis zu einer Verurteilung hier ist der Mann jedoch frei, da er als Deutscher nicht nach Italien ausgeliefert wird.

Die meisten Einwohner Wollins begegnen dem Einzug der Presse in ihren kleinen Ort mit Schweigen. „Die Groplers leben hier seit Urzeiten. Den Alten will niemand ‚verraten‘ “, sagt ein Dorfpolizist. Eher noch schützt man den mutmaßlichen Mörder und verharmlost seine Taten: „Der Amerikaner hat auch Dreck am Stecken“, heißt es etwa in der Dorfkneipe „Krause’s Café“. Und die Wirtin selber, eine quirlige Frau mit blondierten Haaren, fügt hinzu: „Der Karl Gropler nimmt immer ordentlich an den Seniorenveranstaltungen teil. Das ist einer von uns.“ Die Trinkkumpane bei Krause wollen „erst mal auf ein deutsches Urteil warten.“ Den italienischen Gerichten wollen sie nicht glauben. „Mein Vater war auch in der Waffen-, äh, in der Armee, damals“, verplappert sich eine Wolliner Bürgerin, „die ganzen alten Geschichten von früher, die sollte man vergessen.“

Die Anwältin der überlebenden Opfer des Massakers, Gabriele Heinecke, bedauert, dass die Dorfbewohner den Mann aus ihrer Mitte schützen. „Die Leute sollten mal nach Sant’ Anna fahren“, sagt sie. „Dort ist das Grauen gegenwärtig.“ Heinecke kritisiert, dass die zuständige deutsche Staatsanwaltschaft in Stuttgart zu langsam arbeite. „Die Stuttgarter ermitteln umfangreich, bis alle Täter tot sind.“

Staatsanwältin Tomke Beddies kann tatsächlich noch nicht sagen, wann Anklage erhoben werden wird: „Es liegt in der Natur von Ermittlungen, dass man nicht sagen kann, wann sie abgeschlossen sein werden.“

Damit die Wolliner Mauer des Schweigens durchbrochen wird, fand gestern die BVVdN-Demonstration statt. Die Teilnehmer verlasen einen Text über das Massaker von Sant’Anna und spielten italienische Musik über Lautsprecher ab. Eine kleine Anzahl rechtsextremer Gegendemonstranten versuchte mehrfach, die Veranstaltung zu stören, wurde jedoch von Polizisten abgedrängt. Es sieht nicht so aus, als kehrte in dem kleinen Dorf am Rande der A2 bald wieder Ruhe ein.

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