Boxen : Der Steiger kommt

Grönemeyer singt auf dem Lausitzring – mitten im Braunkohlerevier. Darauf haben manche ein Leben lang gewartet

Sandra Dassler

Klettwitz. Anfang der Woche hat es Clemens Albert in der Zeitung gelesen: Herbert Grönemeyer singt am 18. Juni auf dem Lausitzring. „Ich hätte fast geheult, als ich hörte, dass Gröni in die Niederlausitz kommt. Davon habe ich immer geträumt.“

Clemens Albert ist im selben Jahr geboren wie Herbert Grönemeyer – allerdings nicht wie dieser in Göttingen, sondern in Forst an der polnischen Grenze. Wie der Sänger in Bochum ist auch Albert im Revier aufgewachsen – nur, dass dort nicht Stein-, sondern Braunkohle gefördert wurde. „Irgendwann habe ich im Westradio Grönemeyer mit zigtausend Kumpels aus dem Ruhrgebiet das Steigerlied singen hören“, erzählt der heute in Cottbus lebende Grafiker. „Von diesem Moment an habe ich mir immer gewünscht, er würde das wenigstens ein einziges Mal hier, mit den Leuten aus den Tagebauen, tun.“

Doch während andere West-Stars wie Udo Lindenberg oder Bruce Springsteen in der DDR auftraten, blieb Grönemeyer dem Honecker-Land fern. „Ich singe nicht für die SED“ soll er gesagt haben. Vielleicht hätten ihn die greisen Machthaber auch gar nicht singen lassen. Schließlich hatten sie die ironische Zeile „Amerika – Du hast viel für uns getan…“ in einem der friedensbewegten Songs Grönemeyers völlig fehlinterpretiert.

Das ist Geschichte. Von den fast hunderttausend Braunkohlekumpeln in der Niederlausitz sind weniger als zehntausend übrig geblieben. Verglichen mit dem langjährigen Strukturwandel im Ruhrgebiet ist die Umstrukturierung hier quasi im Zeitraffer erfolgt: Die meisten Gruben sind geschlossen und werden zu Badeseen, die riesigen Förderbagger mutieren zu Museumsstücken und die Luft ist selbst in Schwarze Pumpe so sauber geworden, dass die Einwohner ihre Wäsche wieder im Freien trocknen können.

„Wir sind eine derart strukturschwache Gegend, dass wir nach jedem Strohhalm greifen müssen“, sagt Hans-Jörg Fischer, Geschäftsführer der Eurospeedway Lausitz GmbH: „Das Grönemeyer-Konzert ist so ein Ereignis, das Impulse auslösen kann und viele Menschen hierher bringt.“ Bis zuletzt hat Fischer gezittert, ob der Lausitzring den Zuschlag für die einzige ostdeutsche Zugabe zur erfolgreichen „Mensch“-Tour des Sängers erhält. Im Gespräch war auch Dresden. Dass sich die Veranstalter doch für die Rennstrecke mitten im Tagebau-Gebiet um Senftenberg entschieden haben, hat praktische Gründe. „Wir können problemlos 30 000 Parkplätze bereitstellen“, sagt Fischer: „Wir liegen direkt an der Autobahn, sind von der Stadtgrenze Berlin aus in einer Stunde und von Dresden aus in einer halben Stunde erreichbar. Und wir können auch Grönemeyers Wunsch nach 10 000 Sitzplätzen erfüllen.“

Die darüber hinaus vorhandenen 100 000 Stehplätze werden nach Fischers Rechnung gar nicht alle gebraucht. Er erwartet maximal 70 000 Besucher. Beim AC/DC-Konzert im Jahr 2001 waren es 65 000. Damals entstand allerdings ein Verkehrschaos – inzwischen führt eine dreispurige Straße von der Autobahn direkt zu den Parkplätzen.

Fischer verhehlt nicht, dass ihm Grönemeyer gut ins Konzept passt, um das angekratzte Image des Lausitzrings zu verbessern. „Fast niemand nimmt zur Kenntnis, dass die Insolvenz vor zwei Jahren eine Folge der Krise der Berliner Bankgesellschaft war. Die jetzige Betreibergesellschaft ist keineswegs insolvent. Wir haben unsere Defizite von jährlich 7 Millionen Euro deutlich gesenkt. In diesem Jahr werden wir mit 500 000 Euro Landes-Zuschüssen gut über die Runden kommen.“

Von Anfang an hat Hans-Jörg Fischer neben dem Rennbetrieb auf Großveranstaltungen gesetzt. Als ehemaliger Marketingchef des Nürburgrings verfügt er über exzellente Verbindungen in die Musikszene. Die haben sicher auch mit dazu beigetragen, dass der Traum von Clemens Albert nun bald in Erfüllung geht. Und wenn Grönemeyer das Steigerlied gar nicht anstimmt? „Egal“, sagt Albert: „Am schönsten waren sowieso Grönis frühe Liebeslieder.“ Und leise singt er: „Ich hab’ Dich tausendmal geträumt…“

Karten für das Grönemeyer-Konzert auf dem Lausitzring sind ab heute bei allen bekannten Vorverkaufsstellen und unter der Ticket-Hotline 01805-750000 erhältlich. Sitzplätze kosten 43,05 Euro, Stehplätze 38,05 Euro.

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