Boxen : Der Tagesspiegel

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Politik ist nicht nur, was im Parteiprogramm steht oder am Kabinettstisch geschieht, sondern auch auf den Fluren des Landtags, was auf Partys und Empfängen getuschelt wird. Nicht alles ist eine Nachricht, aber mitteilungswert – und oft erhellender als jede Pressemitteilung. Jeden Sonntag bringt der Tagesspiegel deshalb einen Blick hinter die Kulissen in Brandenburg.

Seit dreißig Jahren macht Jörg Schönbohm nun schon Urlaub in Jesolo, einem malerischen Adria-Städtchen nahe Venedig. Aber diesmal war etwas anders: Er sei zum ersten Mal von deutschen Urlaubern erkannt und auf der Straße angesprochen worden, registrierte der CDU-Landeschef und Innenminister verblüfft. Dass er inzwischen bundesweit bekannt geworden ist, belegte eine repräsentative Meinungsumfrage nach dem Wunschkabinett der Deutschen: Danach sähen die meisten den Ex-General gern als künftigen Verteidigungsminister - für einen Landesminister, erst recht aus der märkischen Provinz, ein Ritterschlag. Antrieb für Schönbohm? Im kleinen Kreis macht er keinen Hehl daraus, dass er sich, falls Stoiber die Wahl gewinnen und ihn rufen sollte, in der Pflicht sähe: Die Stimmung in der Bundeswehr sei schlecht, schwierige Reformen müssten angepackt werden - eine Herausforderung für den 68-jährigen Workaholic. Obwohl viel beschäftigt, pflegt der frühere Staatssekretär auf der Hardthöhe die Kontakte zur Truppe wieder intensiver: Kommende Woche will er eine Generalstagung besuchen - um die Stimmung zu testen?

Wie Schönbohm hat auch SPD-Landeschef und Oberbürgermeister Matthias Platzeck Kräfte gesammelt - in Südfrankreich, wo er seine 24-jährige Tochter besuchte, die in Toulouse lebt. Aus dem erhofften „Sonne tanken“ ist allerdings nichts geworden: „Ein Tiefdruckgebiet jagte das andere.“ So hatte der 48-Jährige viel Zeit zum Nachdenken, zum Telefonieren. Weil Bundeskanzler Gerhard Schröder ihn ins engere Wahlkampfteam, ins künftige Kabinett holen will? Während Platzecks Urlaub setzten besorgte Ost-Sozialdemokraten den Kanzler wegen des SPD-Umfragetiefs unter Druck: Er müsse den ostdeutschen Sympathieträger zur Mobilisierung der Ost-Wähler mit einer herausragenden Aufgabe betrauen. Erst recht, da der 66-jährige Regierungschef Manfred Stolpe noch Jahre im Amt bleiben und den „Kronprinzen schmoren“ lassen wolle, was das Verhältnis der beiden belaste. Platzeck winkt ab: „Wir sprechen über alles, wir sind uns über alles einig. Das Verhältnis ist intensiv und vertrauensvoll wie nie.“ Und: „Ich habe kein Wartegefühl.“

Auch „der Alte“ hat ein paar Tage Urlaub gemacht - auf der Insel Hiddensee. In der Staatskanzlei beobachtet man, dass Manfred Stolpe, der seinen 66. Geburtstag vorletzten Donnerstag ohne Trubel feierte, anders als früher nicht mehr voll durcharbeitet, sondern neuerdings auch mal ausspannt. Allerdings: Sein Terminkalender ist immer noch prall gefüllt. Heute wollte er zusammen mit Klaus Wowereit im Roten Rathaus die Botschafter empfangen, doch Berlins Regierender ist nach Australien abgedampft. Montag eröffnet Stolpe in Potsdam mit der slowakischen Vize-Ministerpräsidentin Maria Kadlecikova die „Slowakischen Tage“. Mittwoch trifft er sich in Guben mit dem polnischen Premier Laszek Miller. Donnerstag macht er mit dem Kanzler Wahlkampf und trifft den luxemburgischen Premier Jean-Claude Juncker. Außerdem Landtag, Bundesrat, Handwerker- und Sportfest - seinen Ministern macht er immer noch was vor. ma

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