• DIE BRANDENBURGISCHEN SOMMERKONZERTE: Nun wird auf den märkischen Kulturinseln wieder musiziert

Boxen : DIE BRANDENBURGISCHEN SOMMERKONZERTE: Nun wird auf den märkischen Kulturinseln wieder musiziert

HANNE BAHRA

Hofgeschichten und Kleinstadtklatsch hängen an jeder Ecke der auffallend breiten Straßen und weiten quadratischen Plätze von Neuruppin.Nach außen herrschen seit dem Ende des 18.Jahrhunderts schon Klarheit und die maßvolle Heiterkeit des Klassiszistischen als Ausdruck geregelten Lebens vor: Nach dem großen Brand von 1787 hatte Bernhard Matthias Brasch Neuruppin als Modellstadt bürgerlicher Aufklärung preussischer Couleur neu entworfen.

Neuruppin - idealer Nährboden für einen Dichter wie Fontane, der nun selbst wichtigster Ernährer der denkmalgeschützten Stadt ist.Auch Schinkel kam hier zu Welt, lebte wie später "Madame Fontane" in einem der ältesten Häuser der Stadt, dem 260 Jahre alten Predigerwitwenhaus, das derzeit als zukünftige Wirkungsstätte der Karl-Friedrich-Schinkel-Gesellschaft rekonstruiert wird.Etwa die Hälfte der 882 Altstadt-Häuser ist teilweise saniert.Der einst so triste Platz vor dem Gymnasium (heute Schulplatz) ist von Karl Marx und Blumenkübeln befreit.

Statt Marx nimmt wieder Friedrich Wilhelm II.metallene Konturen an.Das Denkmal für jenen König, der der abgebrannten Stadt damals ganz unbürokratisch mit dem Staatssäckel aus der Asche half, wird als Nachguß im Herbst wieder auf den Sockel stehen.Dafür sorgen Uhrmachermeister Dumrath und die Neuruppiner Kreissparkasse.Auch das Volk hält - trotz einiger Gegenstimmen aus der PDS-Fraktion - zum Monarchen, während der Einzug des keltischen Edelmannes Parzival eher der Antragstellung eines Asylbewerbers glich.Die 15 Meter hohe Stahlplastik wasserseits der Uferpromenade provoziert provinziellen Heimatsinn auf produktive Weise: Kaum ein Neuruppiner geht kommentarlos am expressiven Kunstwerk nahe der alten Klosterkirche vorbei.

Auch in Rheinsberg, 28 Kilometer Deutsche Alleenstraße weiter quer durch eine Landschaft, die sich alsbald zur Ruppiner Schweiz steigert, küsst die Muse eher klassisch.Das hat der barocken Residenzstadt als edelster Kulturinsel nördlich von Berlin längst Weltruhm eingebracht.Das Vorspiel zu Sanssouci - von Knobelsdorff für Kronprinz Friedrich erdacht, von Fontane berühmt und Tucholsky populär gemacht, zieht jährlich eine Million Besucher an.Etwa 35 Restaurants expandieren bei schönem Wetter mit Tisch und Stuhl bis auf das historische Pflaster, wahlweise mit See-oder Schloßblick.Hier und da ein Bootsverleih, ach Claire, ach Wölfchen.

Die Schloßinsel, soeben für über eine halbe Million Mark im Stil der Zeit Prinz Heinrichs rekonstruiert - ein lebender Watteau.Der Spiegelsaal im Schloß - ein echter Friedrich und der Beginn des friderizianischen Rokoko.Auch Maler Menzel war von Rheinsberg fasziniert.Seine 1860 von Schloß, Park und Kirche gefertigten Skizzen, die seit dem Tod des Künstlers 1905 nicht mehr in solcher Geschlossenheit gezeigt wurden, sind jetzt am Entstehungsort zu sehen (bis 16.8.).

25 Kilometer östlich vom geselligen Musenstädtchen entfernt liegt inmitten stiller Auenlandschaft das Dorf Hoppenrade.Eine alte bucklige Lindenallee führt zu dem Schloß, das, verzaubert vom legendären Ruf der lebenslustigen "Krautentochter", schon Fontane lockte, der die "Grande Dame" des Rheinsberger Hofes in seinem Buch "Fünf Schlösser" beschrieb.Es soll Zeiten gegeben haben, in denen das festliche Treiben auf Schloß Hoppenrade unterhaltsamer war als an Heinrichs Hof.Heute zeigt sich die in jener Zeit klassizistisch erweiterte dreiflügelige Barockanlage als Verbindung aus altem Glanz und hoffnungsvollem Besitzerwechsel.

Konsum und Gemeindebüro sind ausgezogen.Nur der rechte Flügel, die Schloßkapelle ist nach wie vor Kirchenbesitz.Die übrigen denkmalgeschützten Teile wurden 1992 von einem Privatmann erworben.Grillenzirpen und Froschgesang sind seitdem im acht Hektar großen Park nicht mehr die einzigen Laute.Der Betonmischer schweigt erst, wenn die Hochzeitsglocken in der Schloßkapelle läuten oder die Party auf der Festwiese beginnt, denn auf Schloß Hoppenrade darf - bei ausreichendem Kleingeld - wieder gefeiert werden.

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