Boxen : Die Freiland-Hühner haben Stubenarrest

Sicher ist sicher: So schützt sich der Branchenriese „Landkost Ei“ in Bestensee vor der Geflügelpest

Annette Kögel

Bestensee. Pferde schnauben auf der Koppel, Kraniche schweben über den Wipfeln, Amseln zwitschern im Frühlingsgrün, und eigentlich müsste man in dieser Idylle südlich von Berlin auch die Hühner gackern hören. Doch auf dem 300 Hektar großen Gelände von „Landkost Ei“ in Bestensee ist es derzeit ungewöhnlich still. Die 250 000 Hennen aus Freihaltung müssen im Stall bleiben und dort ihre Eier legen. Sicherheit geht vor: „Wir sind der Empfehlung des Landestierarztes gefolgt. Denn wenn die Geflügelpest wie in Holland auch bei uns in Deutschland ausbrechen würde, wäre das eine Katastrophe“, sagt Heinz Pilz, Geschäftsführer bei einer der größten Eierfarmen in Brandenburg.

Eine Million Eier werden hier tagtäglich gelegt, geprüft, sortiert, verpackt. „Landkost“ beliefert auch in Berlin Aldi-Filialen und Supermärkte der Rewe-Kette. Im Januar hat der Betrieb mit 145 Mitarbeitern noch mehr Eier verkauft als im Vorjahresmonat, und auch zu Ostern gingen reichlich Paletten vom Hof. „Doch seit den Schlagzeilen über den Tod eines Tierarztes in Holland sind die Konsumenten zurückhaltender geworden“, sagt Pilz. Mit Zahlen kann er das noch nicht belegen, aber „aus dem Bauch heraus weiß ich es“. So bleiben dieser Tage auch mehr Eier übrig, die nur die Industrie für die Lebensmittelherstellung abnimmt – der Einzelhandel ordert einfach weniger Frischei. Dabei erinnert der Betrieb in Bestensee der Vorbeugung wegen an einen Hochsicherheitstrakt.

Lieferwagen dürfen die Schranke in der Einfahrt nicht mehr einfach so passieren. Erst muss der Wagen durch einen Torbogen rollen – und wird wie in einer Waschanlage mit einer desinfizierenden Mixtur aus „Wofasteril“ und „Alcapur“ besprüht. „Bitte vor dem Befahren des Geländes Reifen desinfizieren“, steht auf einem Schild – denn dort haften am ehesten Dreck und Keime. Womöglich hat ja eines der Fahrzeuge zuletzt mal eine Lieferung aus den Niederlanden woanders hintransportiert. „Das muss einfach sein“, sagt auch Fahrer Armin Brose.

Zusätzlich schirmen zwei Zäune die Gebäude mit den 250 000 Käfighennen sowie den 250 000 Bodenhaltungs-Hühnern ab. In deren „Wintergarten“-Auslauf darf jetzt aber keine Henne scharren. Ohne Hygieneschutzkleidung aus Plastik darf ohnehin auch sonst niemand in den Stall – aber die dicken Bodenmatten mit Desinfektionslösung sind neu. Selbst die Holzpaletten für die Eier kommen unter die Chemie-Dusche, sagt Produktionsleiter Martin Kroschel. Verpackungsmaterial wird nicht mehr aus den Niederlanden, sondern aus Dänemark angeliefert.

Der Handel zwischen Bestensee und Holland ruht. Generell. Geschäftsführer Heinz Pilz: „Vor dem 1. März haben wir immer Test-Herden gekauft.“ Also junge Küken, die vielleicht mehr legen als nur das übliche eine Ei am Tag. Corinna Böhland, eine der beiden betriebseigenen Tierärzte, hat derzeit besonders viel zu tun. Sie kennt die Symptome der Geflügelpest. „Die Tiere hängen apathisch rum, fressen nicht, legen weniger.“ Und sterben dann weg wie nichts. „In 48 Stunden ist alles vorbei“, sagt Produktionsleiter Kroschel. Damit solch ein Schreckensszenario ausbleibt, müssen die meisten Gäste draußen bleiben: Schulklassen, Besuchergruppen, Kundenteams. Mitarbeiter dürfen die „Arbeitskleidung nicht mehr mit nach Hause nehmen und nicht mehr nach Holland verreisen“, erzählt Packstellenmitarbeiter Ronny Kossak.

Wie lange noch? „Am Freitag haben wir ein Krisentreffen mit dem Landestierarzt“, sagt Pilz. Dann muss auch geklärt werden, wie lange die Erzeuger die Eier von Freilufthennen trotz deren Stallarrests weiter in „Freiland-Ei“-Verpackungen verkaufen dürfen.

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