Boxen : Die Rückkehr der Kakerlaken

Wegen der Schabenplage hatte ein 47-Jähriger vor knapp einem Jahr den Großbrand von Bernau gelegt Jetzt sind wieder Tiere auf der Deponie entdeckt worden. Auch sonst hat sich dort nur wenig geändert

Sandra Dassler

Bernau - Der 10. September 2005 hätte ein wundervoller Spätsommer-Sonnabend für die Berliner werden können. Doch bereits am sonnigen Morgen weckte viele ein beißender Gestank. Von Nordosten her zogen dunkle, stinkende Rauchschwaden über die Stadt. Die Polizei rief die Einwohner in einigen Bezirken auf, ihre Fenster geschlossen zu halten, viele Berliner klagten über Atembeschwerden und Kopfschmerzen. Der Grund war ein Brand auf einer Mülldeponie in Bernau. Tagelang bekamen Feuerwehrleute aus Brandenburg und Berlin die Flammen nicht unter Kontrolle.

Doch schon, nachdem die erste Gefahr vorbei war, freuten sich jene Bernauer, die direkt neben der Mülldeponie wohnten. Endlich – sagten sie den verdutzten Journalisten – würde der entsetzliche Gestank aufhören. Endlich würden sich die Behörden damit beschäftigen, ob auf der Deponie alles mit rechten Dingen zugehe. Und endlich würden die Kakerlaken, die seit Monaten in Scharen vom Betriebsgelände in die umliegenden Häuser strömten, zugrunde gehen.

Letztere Hoffnung hielt immerhin fast ein Jahr lang. Am heutigen Freitag aber müssen sich Mitarbeiter von Gesundheits- und Landesumweltamt zum ersten Mal wieder mit den Kakerlaken von Bernau beschäftigen: Auf einem eng abgegrenzten Bereich der Deponie sind sie wieder gesichtet worden, sagt Ralf Lemke. Er ist Bereichsleiter der die Bernauer Deponie betreibenden Gesellschaft zur Abfallverwertung und Bodensanierung mbH (Geab) und überzeugt: „Die Kakerlaken können diesen Bereich nicht verlassen. Sie werden hier vernichtet. Auf dem übrigen Gelände sind überall Schabenfallen aufgestellt worden. Bislang haben wir darin noch kein einziges Tier entdeckt. “

Die Kakerlaken waren es auch, die einen zwei Monate nach dem Brand festgenommenen Bernauer angeblich dazu bewogen haben, das Feuer zu legen. Obwohl er kein direkter Anwohner sei, hätten ihn der Gestank und die Schaben dazu veranlasst, sagte der 47-Jährige in der polizeilichen Vernehmung. Inzwischen stehen die Ermittlungen gegen ihn vor dem Abschluss. Die Staatsanwaltschaft geht offenbar von einer leichten Minderbegabung und von Alkoholmissbrauch zum Tatzeitpunkt aus – eine verminderte Schuldfähigkeit des Verdächtigen könnte die Folge sein. Schwerer wiegt nach Ansicht von Geab-Bereichsleiter Ralf Lemke die Tatsache, dass man von dem von Sozialhilfe lebenden Mann keine materielle Wiedergutmachung verlangen kann.

Allerdings laufen gegen Lemke wie auch gegen seine Geschäftsführerin ebenfalls Ermittlungen. Was viele Anwohner nämlich lange vor dem Brand im letzten September ahnten, bestätigte sich bei den Untersuchungen, die Polizei und Staatsanwaltschaft unmittelbar nach dem Brand einleiteten: Auf dem Gelände der Deponie lagerte fast das Dreifache der eigentlich erlaubten Müllmenge: 117 000 statt der erlaubten 45 000 Tonnen. Auch das Landeskriminalamt schaltete sich deshalb in die Ermittlungen ein, die demnächst abgeschlossen werden.

Unabhängig von den juristischen Schritten hatten die Geab und das zuständige Landesumweltamt im November 2005 einen Vertrag abgeschlossen, in denen sich die Betreiber der Mülldeponie zur schrittweisen Beseitigung der festgestellten Mängel verpflichteten. „Nichts davon haben sie eingehalten“, zieht ein Mitarbeiter des Umweltamts nun Bilanz: „Der Abbau der Überbestände wurde nicht geschafft, der Aufnahmestopp für bestimmte Abfallarten nicht eingehalten, die Brandstelle muss immer noch von der Feuerwehr bewacht werden.“ Eigentlich müsste man die Deponie schließen, heißt es bei den zuständigen Behörden. Aber das hieße, 80 Arbeitsplätze aufs Spiel zu setzen.

Geab-Bereichsleiter Lemke weist alle Vorwürfe zurück. Man habe die Auflagen des Vertrags nicht erfüllen können, weil das Landesumweltamt bestimmte Genehmigungen nicht oder nicht fristgerecht erteile, sagt er. Der Streit geht also weiter.

Das gilt auch für die externen Kosten des Brandes vor einem Jahr, für die normalerweise die Stadt Bernau aufkommen müsste. Weil aber der Landkreis die Koordinierung der Löscharbeiten übernahm und zudem noch die Hilfe eines anderen Bundeslandes – nämlich Berlins – anforderte, ist man in Bernau der Ansicht, es habe sich nicht um einen Großbrand, sondern um ein sogenanntes Großschadensereignis gehandelt. Dafür müsste dann der Landkreis Barnim zahlen.

Wirklich zufrieden sind deshalb eigentlich nur die Anwohner der Deponie. Zwar stinke es manchmal noch, erzählen sie. Aber Kakerlaken sind in ihren Häusern – zumindest bis zum heutigen Tag – nicht mehr gesichtet worden.

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