Boxen : Die Wassermassen reißen Löcher in die Dämme

CLAUS-DIETER STEYER

Den ganzen Tag warfen Hubschrauber schwere Betonteile auf die berstenden Deiche, aber der Kampf gegen die Fluten war nicht zu gewinnenVON CLAUS-DIETER STEYER BRIESKOW-FINKENHEERD.Die Rettung für den rund vier Kilometer breiten Landstrich hinter Brieskow-Finkenheerd kann nur noch aus der Luft kommen.Hubschrauber von Bundeswehr und Bundesgrenzschutz werfen den ganzen Tag schwere Betonteile auf den am Morgen auf einer Länge von vorerst zehn Metern gebrochenen Deich.Die in der Nacht noch zu hunderten in diesem etwa zehn Kilometer südlich von Frankfurt gelegenen Abschnitt eingesetzten Helfer mußten den Kampf gegen die Fluten aufgeben. Massen von Sandsäcken sind einfach fortgespült worden."Der Damm darf nicht weiter reißen", gibt der Einsatzleiter die Durchhalteparole heraus.Nach wenigen Stunden muß er das Rückzugskommando geben.Stündlich reißt das unbändige Wasser weitere Löcher in den völlig durchnäßten Damm.Schon am frühen Nachmittag hält die Flut auf einer bis zu 100 Meter breiten Front keine Barriere mehr auf.Am Abend wird die Verteidigung des Deiches auf Weisung des Katastrophenstabes aufgegeben."Es hat keinen Zweck mehr.Jetzt müssen wir die Kopfstellen der Brüche sichern, damit es keinen Bruch im Stile eines Reißverschlusses gibt", sagt Umweltminister Matthias Platzeck.Im Hinterland müßten jetzt größere Schäden verhindert werden. Amtsdirektor Reimar Vögele holt sich als einer der letzten Ausharrenden am Deich nasse Füße."So schnell konnten wir gar nicht gucken, wie rasch das Wasser über die Wiesen strömte.Sagenhaft.So etwas kann sich kaum jemand vorstellen", erzählt er.Das Wasser bahnt sich seinen Weg bis an die wichtige Bundesstraße 112 heran.Sie ist aus Sicherheitsgründen schon lange gesperrt.Auch der Bundesgrenzschutz gibt das Terrain auf.Vorher noch noch ein letzter Kontrollgang durch die gefährdeten Siedlungen: "Alle betroffenen 1500 Menschen haben ihre Häuser geräumt.Niemand mußte zwangsweise evakuiert werden", bestätigt der Amtsdirektor.Die Menschen sind bei Verwandten untergekommen, einige Familien haben ein Notquartier in Schulen. Die Stimmung ist am Boden."Wir haben doch bisher alles überstanden.Hochwasser, große Kälte, Trockenheit", sagt eine Frau aus dem 60-Seelen-Dorf Aurith, nur wenige Meter hinter dem Oderdeich gelegen."Wieso müssen wir denn ausgerechnet jetzt raus?" Sie verbirgt ihr Tränen.Sie wartet auf ihren Mann, der mit einigen anderen Männern bis zuletzt in den Aurithern Häusern ausgeharrt hat.Im Laufe des Tages verlassen auch sie ihre Heimat.Die Polizei hat ihnen Schutz der Häuser vor Plünderern zugesichert.Doch vor dem Wasser gibt es keine Garantie. "So eine Jahrhundertflut hat es eben noch nicht gegeben.Vergleiche mit der Vergangenheit sind nicht möglich", sagt der Chef des Landesumweltamtes, Mathias Freude."Rein rechnerisch hätten die Deiche schon lange vorher brechen müssen.Sie sind für eine solche andauernde Belastung gar nicht ausgelegt worden.Sechs Tonnen auf einen Quadratmeter hält der Sand auf Dauer nicht auf." Niemand könne eine Prognose für die nächsten Tage geben.Aus Polen würden nach den starken Regenfällen für die nächsten Tage gleich mehrere neue Flutwellen auf Oder und Neiße erwartet.Außerdem solle es am Donnerstag und Freitag in Ostbrandenburg regnen. Der Amtsdirektor von Brieskow-Finkenheerd schlägt angesichts dieser Voraussagen die Hände über dem Kopf zusammen."Jetzt müssen wir schnellstens alle gefährdeten Häuser räumen.Tempo, Tempo, kann ich da nur immer wieder predigen", ruft Reimar Vögele seinen Mitarbeitern im Amt zu.500 der 1500 Wiesenauer verlassen am Abend ihre Häuser.Der Zeitpunkt der Rückkehr ist ungewiß.

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