Boxen : Ein Schloss, wie es Potsdam verdient

Thorsten Metzner

Die Nerven liegen mal wieder blank in Potsdam. Das kommt in dieser Stadt, die zur Aufregung neigt, ja in ziemlicher Regelmäßigkeit vor. Und insbesondere dann, wenn es um jenes Dauerthema geht, an dem sich die Landeshauptstadt seit nunmehr 17 Jahren aufreibt – um den Aufbau der seit Jahrzehnten brachliegenden Stadtmitte, um die Rekonstruktion des ehemaligen Schlosses, um Potsdams wichtigsten Ort. Dessen Neubau als künftiger Landtag von Brandenburg ist beschlossen – aber wie er genau aussehen soll, ist immer noch nicht klar. Viele in Potsdam träumen von einer Fassade, die der früheren Knobelsdorff’schen gleicht. Und fürchten nun, dass die Entwürfe für den Wiederaufbau des Schlosses, die am kommenden Mittwoch der Jury vorgestellt werden sollen, statt der historischen vielmehr eine zeitgenössische Architektur zeigen.

Es ist auch gut und richtig, dass die städtische Seele an diesem Ort besonders empfindsam ist. Die Messlatte am Alten Markt sind eben nicht Halle oder Hannover, sondern Florenz, Versailles, Petersburg oder Dresden.

Und es schien doch auch alles klar mit dem Bau des Landtages, der außen – wenn auch nicht bis auf die letzte Putte – wie das Knobelsdorff’sche Schloss aussehen, innen aber trotzdem ein modernes Parlamentsgebäude sein soll. Außen weitgehend alt, innen neu. Genau das war – und hoffentlich: ist – der hart errungene übergreifende Konsens, im Landtag, aber auch in der Stadt. Er mündete in eindeutige Beschlüsse der gewählten Volksvertretungen. Und nun? Lässt sich Landtagspräsident Gunter Fritsch mit den Worten zitieren, keiner der sechs noch geheimen Architektenentwürfe sehe eine original Knobelsdorff-Fassade vor. Seither machen sich Misstrauen und Spekulationen in Potsdam breit – auch genährt von der eigentlich unstrittigen und überdies völlig legitimen Entscheidung, den Landtag mit privaten Investoren zu bauen, um Kosten zu sparen.

Dabei besteht zu Dramatisierungen bislang gar kein Anlass. Vielleicht haben die Konsortien die Fassaden tatsächlich „zu modern“ geplant, obgleich dies kaufmännisch kurzsichtig wäre: Je mehr Knobelsdorff, desto größer wären die Chancen auf den Zuschlag. Aber noch haben es das Finanzministerium und der Landtag in der Hand, den Wählerwillen im laufenden Verfahren umzusetzen. Wer in die engere Wahl kommt, kann im „Dialogverfahren“ den Entwurf nachbessern. Dass man hinter eine alte Fassade zu vertretbaren Kosten ein modernes Gebäude bauen kann, hat die ECE-Gruppe – ein Bewerber-Konsortium auch für das Potsdamer Vorhaben – gerade mit dem aufgebauten Schloss in Braunschweig bewiesen.

Eins jedoch muss ohne Wenn und Aber gelten: Potsdam darf nicht um das Stadtschloss in seiner Mitte betrogen werden.

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