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Die Brandenburgische Technische Universität wird immer beliebter. Studenten aus 80 Nationen sind dort eingeschrieben. Heute beginnt das Wintersemester

Sandra Dassler

Cottbus - Konstantin Voigt ist zufrieden, obwohl sein Studium noch gar nicht richtig angefangen hat. Für den 21-jährigen Berliner beginnt heute das erste Semester Architektur-Studium an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus, kurz BTU genannt. Er hat aber schon vier Wochen lang ein „Vorsemester“ belegt und ist von „seiner Uni“ begeistert. „Ich hatte keinen Bock auf überfüllte Hörsäle, sündhaft teure WGs und Studenten, die ihre Professoren nur während der Vorlesungen zu Gesicht bekommen“, sagt er. „Hier kostet das Zimmer im Wohnheim nur 145 Euro im Monat.“ Jeder Architekturstudent habe seinen eigenen Atelierplatz und man kenne schnell alle Professoren, Assistenten und die höheren Semester. Manja Arnold aus Guben, die bereits sechs Semester Architektur hinter sich hat, kann das gut verstehen: „Ich habe es nie bereut, dass ich hier gelandet bin.“

Die beiden Studenten stehen vor dem Imbisswagen „Shang-Hai“ direkt am Campus der Cottbuser Uni. Die vietnamesische Verkäuferin freut sich: „Jetzt geht es wieder richtig los“, sagt sie und reicht eine Portion gebratene Nudeln mit Hühnerfleisch nach draußen. Zu ihren Kunden zählen Chinesen, Thailänder, Portugiesen, Österreicher, Polen, Slowenen, Kameruner – die BTU, an der junge Leute aus mehr als 80 Nationen studieren, ist eine internationale Oase in Cottbus. Abgesehen von den Studenten leben in der 110000-Einwohner-Stadt nur 3000 Menschen mit ausländischem Pass. An der Uni sind die Verhältnisse anders: Jeder vierte der mehr als 5000 Studenten kommt aus einem anderen Land. „Bei uns hat Cottbus seit Jahren einen sehr guten Ruf“, sagt Franklin Fru aus Kamerun.

Eine Universität lebt auch von Mund-zu-Mund-Propaganda, sagt Unipräsident Ernst Sigmund. Die Kameruner seien mit die ersten Ausländer gewesen, die nach der Gründung der einzigen Technischen Universität im Land Brandenburg am 15. Juli 1991 in Cottbus studierten. Seither kamen Jahr für Jahr mehr Studenten aus dem afrikanischen Land. Selbst als die Stadt wegen rechtsradikaler Übergriffe auf Ausländer in die internationalen Schlagzeilen geriet, habe sich daran nichts geändert. Trotzdem ging jeder Vorfall mit einem Imageverlust einher, mahnt Sigmund: „Gerade hat mir ein Student aus Senegal erzählt, dass seine Großfamilie Bedenken hatte, als er sagte, er wolle in Cottbus studieren. Zum Glück ist das Klima hier in den letzten Jahren ausländerfreundlicher geworden.“

Auch immer mehr Deutsche entscheiden sich für ein Studium in der Niederlausitz. Sie kommen nicht mehr nur aus Brandenburg und Sachsen, sondern auch aus den alten Bundesländern. Das liegt zum einen daran, dass die Cottbuser Uni keine Numerus-clausus-Studiengänge hat. Zum anderen schätzen immer mehr künftige Akademiker, dass im Osten junge, engagierte Lehrkräfte arbeiten.

Zum heutigen Beginn des Wintersemesters kann die Cottbuser Uni einen Rekord vermelden. 978 junge Leute haben sich bereits für die 20 Studiengänge eingeschrieben, das sind 256 mehr als im Vorjahr. Es werden wohl noch mehr werden: Studenten aus Nicht-EU-Staaten haben oft Probleme, rechtzeitig ihr Visum zu bekommen. BTU-Präsident Sigmund rechnet beispielsweise noch mit einer hohen Zahl von chinesischen Studenten. „Wir waren, gefolgt von Kamerun, jahrelang die zahlenmäßig stärkste Nation“, sagt der Sprecher der chinesischen Studenten, Ding Yi (28). Jetzt ziehen die Polen nach. Seit der EU-Osterweiterung benötigen sie kein Visum mehr. „Viele unserer Universitäten sind überfüllt“, berichtet Alexandra Kendzian, die aus der Nähe von Breslau stammt. Viele Polen locke auch der internationale englischsprachige Master-Studiengang „World Heritage Studies“. Die polnische Studentin hält diesen für international einmalig.

Die beliebtesten Fächer an der BTU sind Architektur, Informatik, Stadt- und Regionalplanung, Medientechnik und Umweltwissenschaften. Die Cottbuser Studenten profitieren nicht nur von Kooperationen der Uni mit Wirtschaftsunternehmen, sondern auch von den internationalen Kontakten zu Universitäten in Amerika, England und Osteuropa.

So wird der Präsident der Universität Poznan (Posen) die Festrede bei der Eröffnung des Akademischen Jahres halten. Beim großen Uni-Ball am Freitag dieser Woche soll in der Cottbuser Stadthalle nicht nur der erste Student aus Burma begrüßt werden, sondern auch eine Brücke zu den Cottbuser Einwohnern geschlagen werden. Dazu wird es viele „Dancing Points“ mit Polonaise, Jazzdance und Ballett geben.

Zu den Tänzern gehört auch die 19-jährige Nicola Hentschel, die aus Aachen stammt und zunächst in Dresden studieren wollte. „Aber da haben mir Freunde erzählt, dass sie das Studienjahr noch einmal wiederholen mussten, weil das organisatorische Chaos so groß war, dass man bestimmte Fächer einfach nicht gleichzeitig belegen konnte“, sagt sie. Cottbus hingegen sei klein, übersichtlich, durchorganisiert und hat ein großartiges Internetangebot. Dass die Uni im Süden Brandenburgs demnächst auch ein Wahrzeichen erhält, kann man am Abend erkennen. Da leuchtet es – nur wenige Meter vom Campus entfernt – in Grün, Orange und Rot durch die Bäume.

Was aus der Luft wie ein vierblättriges Kleeblatt aussieht, das sich 32 Meter nach oben ausgedehnt hat, ist die neue, supermoderne und multimediale Universitätsbibliothek der Stadt – entworfen vom renommierten Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron. Die Durchreisenden sind verwundert, die Einwohner noch ein wenig skeptisch, aber Konstantin Voigt aus Berlin findet den Bau „einfach grandios“. Und das will bei einem zukünftigen Architekten schon etwas heißen.

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