Boxen : Erbitterter Kampf um die Panzerhalle

Die Gewobag will ein Atelierhaus in Groß Glienicke abreißen Die Künstler wollen nicht weichen. Jetzt greift die Berliner Politik den Fall auf

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Groß Glienicke - Früher wurden in der Halle Panzer und Armeelaster repariert. Heute stehen dort Skulpturen aus Holz, bunte Gemälde und eine Tafel, auf der es heißt: „War was“. Es hieße besser: „Es ist was.“ Denn um die alte Panzerhalle bei Groß Glienicke tobt ein erbitterter Streit, mit dem sich am heutigen Montag auch der Kulturausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses befassen will. Die Halle soll abgerissen werden, obwohl fast 20 Berliner und Brandenburger Künstler dort Ateliers und Ausstellungsräume haben. Die Eigentümerin der Halle, die Berliner Wohnungsgesellschaft Gewobag, hat ihnen eine Frist bis zum 30. Juni gesetzt. „Dann muss das Gebäude geräumt sein“, sagt Gewobag-Vorstand Jürgen Kriegel.

Doch das wollen die Künstler nicht mitmachen. Seit mehr als zehn Jahren arbeiten sie in dem 500 Quadratmeter großen Bau. Auch wenn sie nur Zwischennutzungsverträge haben: „Wir gehen hier nicht raus, nur damit das Gelände jahrelang brachliegt“, sagt Carsten Hensel, Wortführer des Fördervereins Atelier Panzerhalle und als Installationskünstler selbst Mieter. Doch die Gewobag pocht auf den Mietvertrag: „Von Anfang an war klar, dass es sich um ein Provisorium handelt und jederzeit eine Kündigung möglich ist“, sagt Kriegel, der betont, dass die Künstler lediglich Betriebskosten, aber keine Miete zahlen. „Wir wollen unser Grundstück kurzfristig baureif machen.“

Genau das bezweifeln die Künstler. Sie vermuten, dass die Gewobag die Halle aus den 20er Jahren nur abreißen lassen will, um potentiellen Investoren ein freies Feld vorführen zu können. „Dabei sucht die Gewobag schon seit Jahren erfolglos nach Käufern für das Gelände“, sagt Hensel. Tatsächlich schweigt der Vorstand der Gewobag auf die Frage, was auf den 53 Hektar kurz hinter dem westlichen Berliner Stadtrand entstehen soll. Zwar ist schon seit Mitte der 90er Jahre unter dem Projektnamen „Gartenstadt Groß Glienicke“ der Bau von 550 Ein- und Mehrfamilienhäusern geplant. Doch offensichtlich hat sich die Gewobag damals verspekuliert, als sie das Gelände von der Treuhand erwarb, um vom Zug ins Berliner Umland zu profitieren: Bis heute wachsen nur Bäume und Sträucher, wo einst motorisierte Einheiten der Wehrmacht, später der NVA untergebracht waren. Und auf einem benachbarten Baugebiet, dem ehemaligen Flugfeld Gatow, wo mehr als 1000 Parzellen ausgewiesen sind, stehen erst wenige hundert Gebäude.

Was Hensel und seine Mitmieter besonders ärgert: „Die Gewobag ist gemeinnützig, aber sie führt sich auf wie ein Immobilienfonds aus den USA.“ Die Künstler haben das Angebot gemacht, die Panzerhalle zu verlassen, sobald tatsächlich mit dem Bau des ersten Hauses in der „Gartenstadt“ begonnen wird. Doch die Gewobag will davon nichts wissen: „Unsere Entscheidung ist definitiv.“

Die Bürgermeisterin von Groß Glienicke, Doris Langenhoff (SPD), vermutet gekränkte Eitelkeit hinter der Kompromisslosigkeit. „Schon im Jahr 2000 ist die Gewobag mit dem Versuch gescheitert, die Künstler rauszuwerfen. Diese Blöße wollen sie sich nicht noch einmal geben. Für die Gewobag sind die Künstler Pack.“

Unterstützung erhält der Förderverein auch aus dem Potsdamer Rathaus: „Wir halten die Arbeit des Ateliers Panzerhalle für unverzichtbar“, sagt Birgit-Katharine Seemann, Chefin der Abteilung für Kultur und Museen. Sie erinnert an die Ausstellungen und Lesungen, zu denen Hunderte von Besuchern in die Panzerhalle gekommen seien. Außerdem liege die Halle an der Stadtgrenze zwischen Potsdam und Berlin-Spandau. Sie habe eine Brückenfunktion. „Wir wünschen uns, dass Künstler und Gewobag miteinander reden.“ Das fordert auch Florian Schöttle, Atelierbeauftragter des Berliner Senats: „Die Gewobag muss die Künstler endlich als Chance begreifen. Kultur wertet ein Gebiet für Investoren auf.“ Von den Künstlern wiederum erwartet Schöttle ein Konzept für eine Kunstsiedlung. „Das wäre ein Alleinstellungsmerkmal.“ Doch die Gewobag schweigt zu dem Vorschlag, die Panzerhalle in ein städtebauliches Konzept zu integrieren.

Allerdings glaubt man wohl auch in der Potsdamer Stadtverwaltung nicht mehr an einen baldigen Baubeginn. Die Stadt hatte in den vergangenen Jahren jeweils 1,1 Millionen Euro im Haushalt veranschlagt, die sie von der Gewobag erhalten würde, wenn diese die ersten Häuser errichtet – als Rückzahlung der Erschließungskosten, die Potsdam in das Gelände investiert hat. In diesem Jahr taucht die Summe erstmals nicht im Haushalt auf.

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