Boxen : Erinnerung an Höhenrekord: Zonenrand-Erfahrung: Nur das Barometer war Zeuge

Stephan Wiehler

Die entscheidenen Minuten des Ruhms verschliefen die Herren Pioniere. Mit dem Aufstieg des Ballons "Preußen" in die eisigen Höhen waren die Luft immer dünner und die beiden Männer müder und müder geworden. Als Arthur Berson am Nachmittag des 31. Juli 1901 zum letzten Mal auf das Quecksilber-Barometer blickte, las er einen Stand von 202 Millimeter ab. Das entsprach einer Höhe von 10 500 Metern. Nie zuvor war ein Mensch so hoch über den Erdboden aufgestiegen. Einen Moment später sah er seinen Begleiter Reinhard Süring in die Bewusstlosigkeit sinken. Berson zog zwei Mal das Ventil, um den Ballon absteigen zu lassen, dann brach er selbst zusammen.

Nur der Luftdruckmesser wurde Zeuge der aeronautischen Großtat. Die Aufzeichnungen des Höhendruckmessers zeigten sogar 10 800 Meter, doch war die Tinte bei rund 40 Minusgraden eingefroren und die Linien über 10 000 Metern derart lückenhaft und schwach, dass man sie nicht als verlässliches Dokument werten wollte. So blieb es am 31. Juli 1901 bei den 10 500 Metern, die Berson zuletzt abgelesen hatte. Der Forscher vom Königlich Meteorologischen Institut Berlin und sein Co-Pilot vom Potsdamer meteorologisch-magnetischen Oberservatorium hatten damit nicht nur einen 30 Jahre währenden Höhenrekord aufgestellt, sie hatten die Existenz der Stratosphäre nachgewiesen.

Die Ballonfahrt war von höchster Autorität beschirmt. Kaiser Wilhelm II. hatte die Eroberung der Stratosphäre mit 10 000 Mark gefördert. Der Ballon mit einem Fassungsvermögen von 8400 Kubikmeter war ursprünglich für eine Dauerfahrt konstruiert worden, erbaut hatte ihn die "Continental Caoutschuk und Guttapercha-Compagnie" in Hannover. Sein Besitzer, ein Potsdamer Baumeister, hatte ihn dem Observatorium des Königlich Preussischen Meteorologischen Instituts geschenkt. Neben meteorologischen Erkenntnissen erhofften sich die Forscher von ihrer Himmelfahrt, die Wirkung extremer Höhen auf den menschlichen Organismus zu erforschen.

Bei strahlendem Sommerwetter steigt der Ballon am 11. Juli 1901 zur ersten neunstündigen Testfahrt zwischen Pirmasens und Zweibrücken in der Rheinpfalz auf 7450 Meter auf. Der Hauptaufstieg verzögert sich wegen des Wetters bis zum 31. Juli 1901. Am frühen Morgen geht die Militär-Luftschifferabteilung auf dem Tempelhofer Feld in Stellung. Zusammen mit Hilfsmannschaften eines Eisenbahn-Regiments machen die Soldaten den Ballon startklar. 48 Mann stehen an den Halteleinen des mit 5400 Kubikmeter Wasserstoff gefüllten Ballons. Es ist 10.50 Uhr, als das Fluggefährt, voll bepackt mit technischem Gerät, vier Sauerstoffflaschen, Rentierpelzen, Filzpantoffeln und Thermophorgefäßen abhebt.

Bei schwachem Nordwind und heiterer Witterung steigt der Ballon eineinhalb Meter pro Sekunde. Bei 4500 Metern hat sich der Ballon prall gefüllt, Berson und Süring werfen jetzt in kurzen Intervallen je zwei der insgesamt 300 Sandsäcke ab - und steigen. Die Sicht nach unten ist gut, doch am Horizont verhindert eine Wolkenfront die Fernsicht, die im Idealfall bis an die Grenzen des Königreichs Preußen gereicht hätte.

Die beiden Männer vermeiden körperliche Anstrengung, soweit es geht, doch ab 6000 Metern wird ihnen die Luft knapp. Immer wieder greifen sie zu den Sauerstoffschläuchen, immer wieder schütteln sie sich gegenseitig aus dem Schlummer. Dennoch trägt sie ihr Ballon an diesem Nachmittag hinauf in den Olymp der Luftfahrt. Knapp acht Stunden nach ihrem Start erreichen die Männer die Erde, sie landen auf einer Wiese nahe Briesen bei Cottbus bei Windstille gegen 18.30 Uhr. Sie klagen über körperliche Nachwirkungen. "Nach ausgiebiger Sauerstoffzufuhr verschwanden zwar die Atemnot und das Angstgefühl, aber eine bleierne Mattigkeit, Schwächegefühl im Magen, zeitweise etwas Kopfschmerz, blieben lange, zum Teil auch noch nach der Landung bestehen", berichten die beiden "Hochfahrer" in den "Illustrierten Aeronautischen Mittheilungen". Doch gesundheitliche Schäden trägt offenbar keiner der beiden davon. Arthur Berson stirbt im Alter von 83 Jahren und wird 1942 in einem Ehrengrab auf dem Parkfriedhof Lichterfelde beigesetzt. Reinhard Süring wird 85 Jahre alt und stirbt 1950 in Potsdam.

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