Boxen : Erste Schritte in der neuen Heimat

AMORY BURCHARD

PEITZ ."Wir dachten, wir bekommen vier Wände in einem Wohnheim und das ist alles", sagt die lebhafte ältere Dame in dem langen Wollmantel."Aber diese ganzen Gespräche und Ausflüge.Das alles öffnet uns die Augen und hilft uns sehr." Dogmara Pisareva ist beindruckt von dem Programm, das die brandenburgische Landesaufnahmeeinrichtung in Peitz (Spree-Neiße) ihr und ihren Landsleuten bietet.Die sechzigjährige Rußlanddeutsche kam vor drei Wochen mit ihrem Mann, dem jüngsten Sohn, der Schwiegertochter und einem Enkel aus einer Bergbaustadt im Nordkaukasus nach Deutschland.Bevor die Familie demnächst ins Übergangsheim in Wittstock weiterzieht, geht sie in Peitz die ersten Schritte in die neue Heimat, und zwar immer an der Hand von Sozialarbeitern und Beratern von Behörden.

Deutschstämmige lebten in der Sowjetunion meist in kleinen bäuerlichen Siedlungen der mittelasiatischen Republiken oder in sibirischen Provinzstädten, wohin sie im Zweiten Weltkrieg deportiert wurden.Sie sind auf das Leben in einer hochmodernen Gesellschaft kaum vorbereitet und haben durchweg sehr idealistische Vorstellungen von Deutschland, sagt der Peitzer Sachbearbeiter und Dolmetscher Igor Surikov.In Briefen von Verwandten und Freunden, die schon hier leben, erfahren sie nichts über Arbeitslosigkeit oder Kriminalität.

Mit Schreckensbildern von den Abgründen der deutschen Gesellschaft sollen die Neubürger eigentlich nicht verschreckt werden.Allerdings warnen freundliche Polizisten die Aussiedler vor windigen Typen, die Haustürgeschäfte anbieten."Sie haben uns gesagt, wir dürften nicht zu vertrauensvoll sein und jedem die Tür aufmachen", wiederholt Frau Pisareva ihre Lektion.Eine andere wichtige Verhaltensregel betrifft die EC-Karte: die Geheimzahl nur verdeckt eintippen und nie zuviel auf einmal abheben.Hörten sie auch etwas über junge Rechtsradikale in Brandenburg, über Übergriffe auf Rußlanddeutsche? Dogmara Pisareva und ihr Mann Vladimir wollen zuerst gar nicht darüber sprechen."Ach, das sind doch nur Einzelfälle", meint er.Sicher, die Nachbarsfamilie aus dem Heim wurde in der Neujahrsnacht auf der Straße von Skinheads angegriffen, "aber die Polizei kümmert sich schon darum." Der polizeiliche Rat an die Heimbewohner lautete, sich nie in einen Streit mit Randalierern einzulassen.

In dem Plattenbau-Block am äußersten Rand von Peitz - in der DDR-Zeit wohnten hier ausländische Arbeiter aus dem Kraftwerk Jänschwalde - leben derzeit knapp 300 Spätaussiedler.Mitarbeiter des Sozialamts, des Arbeitsamts, der Krankenkasse und der freien Wohlfahrtsträger haben ihre Büros gleich im Haus und bieten fast täglich Informationsveranstaltungen an.Sie sollen die Neuankömmlinge auf ihren langen Weg durch die deutsche Bürokratie vorbereiten, erklären, welches Amt für welche Leistungen zuständig ist.Aber es geht den Peitzer Behördenleuten keineswegs nur um die Verwaltung des Alltags der Spätaussiedler, der zumindest im ersten Jahr von Deutschkursen und Umschulungen und dann von der schwierigen Jobsuche geprägt sein wird."Wir versuchen, sie hier zur Integration zu motivieren, damit sie einen möglichst guten Start haben, wenn sie in die eigene Wohnung kommen", sagt der stellvertretende Leiter der Spätaussiedlerstelle Werner Erbe.

Die zentrale Botschaft aller Berater lautet "Deutsch lernen".Zusätzlich zum ersten Intensivkurs vom Cottbuser Arbeitsamt werden nachmittags und abends noch zahlreiche Lernzirkel für Kinder und Erwachsene angeboten.Außerdem gibt es Klubabende, bei denen gesungen und musiziert wird.Die werden manchmal auch von alteingesessenen Peitzern besucht, sagt eine Sozialarbeiterin.Auch die Peitzer Kirchengemeinden bemühen sich sehr um die Aussiedler.Familie Pisarev war sogar schon bei einer richtigen deutschen Familie zu Besuch.Vor ein paar Tagen hat die Deutschlehrerin des Sohnes sie zum Kaffeetrinken eingeladen.

In den ersten Wochen steht auch Landeskunde auf dem Integrationsprogramm.Im roten VW-Bus geht es zu einem Ausssichtspunkt über den Tagebau Cottbus Nord.Sozialarbeiterin Sieglinde Goede kommt sich mittlerweile vor wie eine Fremdenführerin.Sie erklärt, in welcher Tiefe die Braunkohleflöze liegen, in welchen Kraftwerken der zermahlene Rohstoff verfeuert wird und wie alles einmal rekultiviert werden wird, wenn die Lagerstätte abgebaggert ist."Ja, wir sind bereit, das alles wieder anzupflanzen", sagt Vladimir Pisarev.Andrej Lapin aus Kasachstan blickt über den offenen Tagebau und sagt: "Ich bin Bergbauingenieur, ob ich hier wohl Arbeit finde?" Frau Goede dämpft die aufkeimenden Hoffnungen.Dreiviertel der hier ehemals 120 000 im Braunkohleabbau Beschäftigen wurden seit der Wende entlassen.Und die Rekultivierung besorgen diese Arbeitslosen als ABM.Trotzdem, Landeskunde kann nicht schaden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben