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Bei Wittstock wurde ein Massengrab aus dem Dreißigjährigen Krieg gefunden

George Russew

Scharfenberg - Archäologen haben bei Ausgrabungen in Scharfenberg bei Wittstock ein Massengrab aus dem Dreißigjährigen Krieg entdeckt. Grabungstechniker des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege sind derzeit dabei, das in einer Kiesgrube entdeckte Grab Schicht für Schicht mit Spaten, Staubsauger und Pinsel freizulegen. Und mit jeder Schicht, die abgetragen wird, steigt die historische Bedeutung dieses Massengrabes aus dem 17-Jahrhundert.

„Europaweit sind bislang nur vier Grabstätten vergleichbaren Charakters gefunden worden“, sagt die Grabungsleiterin Anja Grothe vom Landesamt. Die Grabstätte sei für die Archäologen deshalb so wichtig, weil hier nur Soldaten bestattet worden sind. So können viele offene Fragen zum Leben der Landsknechte geklärt werden – etwa, welche Krankheiten sie hatten, wie alt sie waren und woher sie stammten.

Wer die Toten waren, kann bislang nicht genau gesagt werden. Bekannt ist nur, dass sich am 5. Oktober 1636 rund 22 000 Kaiserliche und Sachsen gegen 16 000 Schweden hier den Überlieferungen nach eines der blutigsten Gemetzel des Dreißigjährigen Krieges geliefert haben – die Schlacht am Scharfenberg, die die Schweden überraschend gewannen. Nach den Quellen sollen 6000 bis 7000 Soldaten am Scharfenberg gefallen sein. Die Schweden sicherten sich mit dem Sieg die Vorherrschaft in Norddeutschland.

Mitarbeiter der Kiesgrube hatten im April 2007 Knochenteile gefunden und das Museum für den Dreißigjährigen Krieg in Wittstock informiert. Nach Sichtung der Skelettteile konnte ein Gewaltverbrechen ausgeschlossen werden. „Die Kripo musste nicht alarmiert werden, weil das Wittstocker Museum Detailkarten besitzt, die den Fundort dem Schlachtfeld zuordnen“, erklärt Grothe. Das Grab wurde zunächst gesichert. Dann rückten die Grabungsspezialisten vom Landesamt für Denkmalpflege an. Seit zwei Wochen wird vorsichtig gegraben.

Zunächst dachten die Experten, es handele sich nur um ein paar alte Skelette. Doch in vier Meter Tiefe dann die Sensation: In Viererreihen liegen militärisch exakt an- und übereinandergelegt die sterblichen Überreste von Soldaten. „Bis jetzt haben wir 53 männliche Skelette gefunden. Wir vermuten hier bis zu 70 tote Soldaten“, sagt Grabungsleiterin Grothe.

„Welcher Nationalität die gefundenen Skelette angehören, können wir aber noch nicht sagen“, berichtet Sabine Eickhoff vom Landesamt für Denkmalschutz. Die Kämpfer seien jedenfalls auf grausame Art und Weise gefallen. Zertrümmerte Knochenteile belegten die Brutalität der Kämpfe. Auf schwedischer Seite fielen bis zu 1500 Mann. Welche Seite das Grab angelegt hat, sollen nun anthropologische Untersuchungen zeigen. Eine wichtige Rolle spielen dabei vor allem die Zähne der Toten. Diese hatten schon den ersten Hinweis darauf geliefert, dass es sich um ältere Gräber handelt. „Zunächst mussten wir ausschließen, dass es sich um KZ-Häftlinge handelt, die hier 1945 auf dem Todesmarsch umgekommen sind“, sagt Grothe. Fehlende Plomben hätten den entscheidenden Hinweis auf den Dreißigjährigen Krieg gegeben. Grothe: „Zahnmedizin gab es im 17. Jahrhundert noch nicht.“

Jetzt soll die Konzentration des Spurenelements Strontium in den Zähnen ermittelt und anhand dieser Daten dann Nationalität und Alter der Gefallenen bestimmt werden. „Strontium und andere Mineralien, die beim Wachstum in die Zähne eingebaut werden, geben einen Hinweis auf den Geburtsort der Menschen“, sagt die Anthropologin Bettina Jungklaus. Die Strontiumkonzentration in der Umwelt ist von Land zu Land und von Region zu Region unterschiedlich.

Bis aber die Grabungen abgeschlossen sind, wird der Staubsauger von Grabungstechnikerin Corinna Koch noch lange brummen. Gefragt, ob sie sich vor den vielen Skeletten nicht gruselt, sagt sie trocken: „Das ist hier wie zu Hause putzen, nur dass es hier mehr Sand gibt.“

Ergebnisse und Exponate der Grabungen am Scharfenberg sollen später im Landesmuseum Brandenburg/Havel und im Museum des Dreißigjährigen Krieges in Wittstock ausgestellt werden.

Was mit den Toten selbst geschehen soll, ist noch nicht entschieden. „Ich könnte mir vorstellen, dass sie bei uns ein ordentliches Begräbnis bekommen“, sagt Wittstocks Bürgermeister Lutz Scheidemann. George Russew

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