Fall Ermyas M. : Verteidigung legt mysteriöse CD vor

Im Gerichtsverfahren wegen des Angriffs auf Ermyas M. in Potsdam ist bei einem Verteidiger des Hauptangeklagten und einer Zeitung eine anonyme CD mit dem Titel "Der Täter" eingegangen. Auf ihr behauptet eine Stimme, die Angeklagten seien nicht die Täter.

Potsdam - Die Verteidiger des Hauptangeklagten im Fall des Angriffs auf den Deutsch-Äthiopier Ermyas M. sehen einen möglichen neuen Tatverdächtigen. Anwalt Matthias Schöneburg führte am Mittwoch überraschend neue Beweismittel in den Prozess vor dem Landgericht Potsdam ein. Es handele sich um eine Tonaufnahme und ein Foto von dem möglichen Verdächtigen. Diese seien zusammen mit einem anonymen Schreiben am Montagabend in seiner Kanzlei eingegangen, sagte Schöneburg am 14. Prozesstag. In dem Brief verweise jemand auf einen Mann namens Mario. Dieser solle eine sehr helle Stimme haben und aus Rehbrücke bei Potsdam stammen.

"Die haben nicht die Richtigen"

Die CD trägt nach Angaben von Schöneburg den Titel "Der Täter". Darauf sei ein etwa zehn Minuten langes Gespräch zwischen mehreren Leuten zu hören. Einer der Männer habe eine helle Stimme und spreche über den Angriff auf den "Schwarzen" in Potsdam. Zwar bezichtige er sich nicht selbst der Tat. In dem anonymen Schreiben werde jedoch mitgeteilt, dass der Mann mit der hellen Stimme mehrfach gesagt habe: "Die haben nicht die Richtigen."

Das ist laut Schöneburg ein Hinweis darauf, dass nicht die Täter auf der Anklagebank sitzen. Er erwarte, dass die Staatsanwaltschaft aktiv werde und den Mann suchen lasse. Oberstaatsanwalt Rüdiger Falch sagte, er werde die Unterlagen prüfen. Der Vorsitzende Richter Michael Thies unterbrach die Verhandlung und sicherte die Unterlagen für eine mögliche Spurensicherung. Die Sitzung sollte am Nachmittag fortgesetzt werden.

Björn L.: Kehlkopfentzündung zur Tatzeit

In dem Verfahren vor der 4. Großen Strafkammer müssen sich der 30 Jahre alte Björn L. wegen gefährlicher Körperverletzung und der 31-jährige Thomas M. wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten. Laut Anklage sollen sie am 16. April 2006 an einer Haltestelle mit Ermyas M. in Streit geraten sein und den dunkelhäutigen Potsdamer als "Scheiß-Nigger" beschimpft haben. Dann soll Björn L. das Opfer mit einem Schlag ins Gesicht niedergestreckt haben. Der Familienvater hatte bei dem Angriff schwerste Kopfverletzungen erlitten. Der Fall hatte kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft international für Aufsehen erregt und eine Debatte über "No-Go-Areas" entfacht.

Der Streit zwischen Opfer und Tätern war von einer Handy-Mailbox aufgezeichnet worden. Zeugen wollen darauf die hohe Fistelstimme von Björn L. erkannt haben. Nach Angaben seines Arztes hatte der Hauptangeklagte jedoch zur Tatzeit eine Kehlkopfentzündung und war heiser. Am Mittwochnachmittag sollte ein Phonetiker vor Gericht erläutern, ob die Stimme auf der Mailbox Krankheitssymptome aufweist.

Stimmgutachten am Freitag

Die Staatsanwaltschaft setzt in dem Verfahren vor allem auf ein Stimmgutachten, bei dem Tonaufnahmen des Hauptangeklagten mit der Stimme auf der Mailbox verglichen wird. Dieses Gutachten sollte am Freitag vorgestellt werden. Richter Thies betonte jedoch am Mittwoch mit Blick auf die neuen Beweismittel: "Darüber können wir nicht hinweggehen." Die Stimmgutachterin werde sich noch mit den neuen Aufnahmen beschäftigen müssen.

Wenig zur Aufklärung beitragen konnte unterdessen am Morgen ein Ermittlungsrichter, der im vergangenen Jahr mehrfach einen Mitgefangenen von Björn L. vernommen hat. Dem Häftling soll L. einmal gesagt haben: "Hätte ich mal richtig reingehauen, dann hätte ich jetzt nicht solche Probleme." Der Mithäftling verweigert aber vor Gericht jede Aussage. Angeblich wird er bedroht. Der Richter sagte, P. habe bei seiner Vernehmung auf die Wahrheit seiner Aussagen verwiesen. Seine Angaben hätten schlüssig geklungen. Allerdings sei P. eine "besondere Person", bei der er in Sachen Glaubwürdigkeit eher vorsichtig wäre. (Von Susann Fischer, ddp)

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