Boxen : Fast alle Villen am Glienicker Horn stehen leer

TOBIAS ARBINGER

POTSDAM .Das Schild am Eingang verspricht nicht eben wenig: "Residieren in Schloßanlage mit Havelpanorama".Hinter dem dösenden Pförtner, der mit Besuchern gar nicht erst rechnet, hinter dem Code-Schloß und der halboffenen Gittertür liegt "Arkadien", eine von dem Bauunternehmen Groth & Graalfs errichtete Luxussiedlung am Glienicker Horn.Sechs ockerfarbene "Stadtvillen" an der Havel, jede üppig mit Balkons und Bogengängen ausgestattet.Die Glienicker Brücke und der Babelsberger Park liegen in Sichtweite der nachts bewachten Anlage.

Doch die neben Messingtürgriffen und Tropenholztüren angebrachten Klingelschilder tragen noch so gut wie keine Namen.Hinter den Fenstern der Villen "Bellezzia", "Verde" und "Calone" hängen keine Gardinen, nichts regt sich, kein Ton ist zu hören.In "Arkadien" liegen die teuersten Wohnungen Brandenburgs.Von den 43 Eigentumswohnungen, die hier vor anderthalb Jahren fertiggestellt wurden, sind gerade elf verkauft - zu Quadratmeterpreisen von 8000 bis 15700 Mark.Im nahen Berlin kosten Eigentumswohnungen im Schnitt drei- bis viertausend Mark, sehr gut ausgestattete oder gelegene auch schon mal fünftausend.Nur in Luxuslagen wie der Friedrichstraße werden ähnliche Preise verlangt - und gezahlt.

Am Glienicker Horn sind erst zwei Eigentümer eingezogen.Bahnt sich hier, nach dem langen Streit mit der Unesco über die Bebauung, nun auch noch ein Millionen-Flop an?

Davon könne nicht die Rede sein, sagt hingegen Antje von Meer, Sprecherin von Groth&Graalfs.An Innenaustattung und Fassaden hätte es noch Nachbesserungen gegeben.Der Verkauf habe erst in diesem Sommer begonnen.Die elf seitdem verkauften Wohnungen erachtet sie als "gutes Ergebnis".Bekannte Potsdamer Makler, die in diesem Zusammenhang namentlich nicht zitiert werden möchten, sagen zum Potsdamer Immoblienmarkt, daß Edel-Wohnungen grundsätzlich nur langsam zu verkaufen sind.Dennoch bestätigen verschiedene Händler, daß es in Potsdam zur Zeit spürbare Absatzprobleme bei Neubauwohnungen gibt.

Selbst der Groth-und-Graalfs-Partner Engel&Völkers, der die Arkadien-Villen vermarktet, bestätigt, daß der Verkauf von Neubauwohnungen an Eigennutzer in der brandenburgischen Landeshaupstadt "ganz schleppend" verlaufe.Das sagt der Potsdamer Büroleiter Stefan Küter.Im "Zentrum der Nachfrage stehen besonders die großzügigen Villen der Gründerzeit" schreibt das Unternehmen in einer Kurzanalyse.Leute, die in Potsdam ein Haus kauften, wollten zur Zeit vor allem "repräsentative Historie", sagt Küter."Arkadien" sei durch seine Lage, seine komfortable Ausstattung, sein Sicherheits- und Servicekonzept allerdings ein "Spezialobjekt".

Groth und Graalfs haben offenbar auf die neue Lage reagiert.Die ursprünglichen Pläne wurden geändert: Drei weitere Villen, die in einem zweiten Bauabschnitt in den "Arkadien" entstehen sollten, würden nicht - wie zunächst geplant - als Wohnungen, sondern nun als Villenhäuser gebaut, sagt Antje von Meer.Die Firma Sony sowie die diplomatische Vertretung eines Landes, das dort Personal unterbringen wolle, seien interessiert.

"Alles was Neubau ist und alles Hochpreisliche ist halb in der Flaute", sagt ein Immobilienfachmann eines großen deutschen Kreditinstituts.Gut gingen in Potsdam hingegen "Sanierungsobjekte unter 4000 Mark der Quadratmeter".Ein Grund dafür sei, daß nur noch in diesem Jahr die Sanierung von Altbauten zu 40 Prozent steuerlich absetzbar ist.Die Sonderabschreibung für Neubau beträgt nur noch 25 Prozent und läuft 1998 ebenfalls aus.Bei dem augenblicklich hohen Leerstand lohne sich der Kauf von Eigentumswohnungen zudem weniger als Kapitalanlage, zur Zeit habe er eher Eigennutzer als Kunden, sagt ein anderer Marktkenner.Eines der beiden bewohnten Häuser der "Arkadien" am Glienicker Horn ist die "Villa Leone".Seit einem halben Jahr lebt dort ein Ehepaar, die beiden haben die Wohnung gekauft: 130Quadratmeter mit Parkett, Fußbodenheizung, Kamin, Tiefgarage und Fahrstuhl."Eine schöne Lage fürs Alter", sagt der Mann, der vorher in einer größeren Wohnung in Zehlendorf lebte.Vom Besuch ist er überrascht, und gerne spricht er nicht.Seinem Namen möchte er verschwiegen wissen.Er sagt, die gute Anbindung an Berlin und den Komfort des Neubaus schätze er besonders.Eine alte Villa wäre für ihn nicht in Frage gekommen.

Vor fünf Jahren war die damals noch geplante Bebauung des Glienicker Horns durch Groth und Graalfs sowie durch die Bayerische Hausbau, die dort postmoderne Wohnwürfel errichtete, ein rotes Tuch für Denkmalschützer - und es war ein Politikum.Der Grund für die Aufregung ist die besondere Lage: Die flache Landzunge liegt an der Havel im Schnittpunkt von Blickbeziehungen, die elf Parkanlagen miteinander verbinden.Vier davon zählen zum Weltkulturerbe der Unesco.Eine neue "Sichtachse" ist allerdings dazugekommen: die vom Badezimmer der einsamen Bewohner "Arkadiens" zum Babelsberger Park.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben