Film zum Vorstadtidyll : 16 Minuten Kleinmachnow

Die einen sind jung und zu laut, die anderen alt und spießig? Ein 23-Jähriger hat einen kurzen Film Vorstadtidyll gedreht.

Tobias Reichelt
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Ein Jahr Arbeit. So lange hat Benjamin Hermsdorf an seinem Film gedreht. Er ist selbst dort aufgewachsen. Foto: privat

Kleinmachnow - Kleinmachnows Vorstadtidyll hat seine Grenzen: „Wenn Menschen eng aufeinander hocken, gehen sie sich irgendwann auf den Geist“, sagt Benjamin Hermsdorf. Die Alten wollen ihre Ruhe und die Jugendlichen wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen. Was folgt, sind Probleme: Die einen sind unhöflich, die anderen spießig, die einen zu alt, die anderen zu laut. Ein Jahr lang hat sich der 23-jährige Mediengestalter mit einem Videoprojekt im Rahmen seiner Ausbildung an der Universität Potsdam dem Thema gewidmet. Herausgekommen sind 16 Minuten Film, die zum Nachdenken anregen sollen und im Internet zu sehen sind.

Skateboards auf dem Rathausmarkt sind verboten, Busse nach Berlin fahren zu selten, Freiflächen werden zugebaut, Bolzplätze sind unbespielbar, und Anwohner beschweren sich über die lauten Jugendlichen: „Hier ist gar nichts, das Einzige, was du machen kannst, ist saufen“, lautet deshalb das Urteil einer jungen Kleinmachnowerin in Hermsdorfs Film. Ihr Name bleibt unbekannt. Ihr Problem und das ihrer Freunde aber nicht: „Für die Jugend wird hier nichts gemacht“, behaupten sie im faden Licht einer Straßenlaterne. Regelmäßig trifft sich die Gruppe am Rathausmarkt. Hier haben die Läden bis 22 Uhr geöffnet, der Alkohol ist billig. Probleme mit Anwohnern gibt es immer wieder – und die, auch das bestätigt Hermsdorfs Film, kommen mit den Jugendlichen nicht zurecht: „Wir haben auf dem Rathausmarkt viele Schüler, die sich daneben benehmen“, sagt Kleinmachnows Ordnungsamtsleiter Eckard Dehne. Wo sich die Jugendlichen stattdessen beschäftigen könnten? „Wir haben die Jugendfreizeiteinrichtung und die Sportvereine“, sagt er. „Und ich nehme an, dass noch was fehlt.“

Für Benjamin Hermsdorf ist der Fall klar: „Da treffen Welten aufeinander, die sich nicht verstehen.“ Der Filmemacher kennt die Probleme in seinem Heimatort selbst gut genug. Erst als Kind und später als Heranwachsender war auch er auf der Suche nach Treffpunkten in Kleinmachnow. Mit 13 Jahren wurde er das erste Mal von der Polizei von einem Spielplatz weggeschickt. Dort ist Spielen nur bis zum zwölften Lebensjahr erlaubt. „Wir hatten nur einen Ball dabei, aber waren wohl zu laut“, sagt Hermsdorf. „Wir mussten uns dorthin zurückziehen, wo wir ungestört waren.“

Für Hermsdorf und viele Kleinmachnower Jugendliche war und ist das noch heute oft das Fath-Gelände am Stahnsdorfer Damm – eine alte Industriebrache, früher wurden hier Lkws repariert, heute sind die Wände bunt besprüht, Fensterscheiben herausgeschlagen. Es ist der Abenteuerspielplatz schlechthin, aber gefährlich und zudem verbotenes Terrain: Überall gibt es tiefe Gruben, die Häuser sind stark einsturzgefährdet. Viele Eltern und Politiker wollen die Jugendlichen deshalb auch dort nicht sehen.

Eine Alternative bietet die Jugend- und Freizeiteinrichtung (JFE). Hier werden Graffiti-Kurse angeboten, Instrumente gespielt und vieles mehr. Doch auch hier gibt es Probleme: Im Keller der JFE ist der Affenclub zu finden. Schon seit 36 Jahren gibt es den Club. „Gerne gesehen ist er in Kleinmachnow nicht“, sagt Affenclub-Chef Tommy im Film. Und nicht nur das: Dem Club fällt es zunehmend schwerer, ehrenamtliches Personal zu finden. „Die Jugendlichen haben zu nichts mehr Lust“, sagt der Club-Chef.

Für Hermsdorf ist ganz klar die Politik im Zugzwang: „Den Politikern fällt es schwer, die Jugendlichen zu verstehen“, sagt Hermsdorf. Deshalb fordert er mehr Bereitschaft zum Zuhören oder zumindest zum Zusehen. Mit ein paar Klicks im Internet fällt der erste Schritt zumindest leicht. Tobias Reichelt

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