Boxen : Flüchtlinge: "Es gibt keinerlei Auffälligkeiten an der Grenze"

Sandra Dassler

Über Meldungen der letzten Tage, wonach eine "große Flüchtlingswelle aus Afghanistan auf Brandenburg zu rollt", kann Wahid N. (Name geändert) nur den Kopf schütteln. Neun Monate war der afghanische Lehrer mit seiner Frau und den vier Kindern unterwegs, bis er Deutschland erreichte und hier politisches Asyl beantragen konnte. "In Afghanistan gibt es fast niemanden mehr, der Geld für einen Flug hat", sagt er, "die Flüchtlinge sind viele Monate auf der Straße. Die meisten, die jetzt noch im Land leben, sind so arm, dass sie die von den Schleusern geforderten mehrere tausend Dollar nicht aufbringen können."

Diese Schilderung deckt sich mit Erkenntnissen des Bundesgrenzschutzes. So ist es eher Zufall, dass sich die Zahl der illegal eingereisten Ausländer im September 2001 im Bereich des Polizeipräsidiums Potsdam im Vergleich zum Vorjahr erhöhte. "Das hat nichts mit den Terroranschlägen beziehungsweise den befürchteten Reaktionen darauf zu tun", stellt Catrin Feistauer vom Potsdamer Polizeipräsidium klar: "Alle Flüchtlinge waren lange unterwegs, die meisten wussten noch gar nichts von den Anschlägen. Außerdem haben wir insgesamt einen Rückgang der illegal Eingereisten zu verzeichnen." Auch beim Bundesgrenzschutzamt in Frankfurt (Oder) wurde bislang kein Anstieg illegaler Einwanderer registriert. Sprecherin Claudia Sokwronek sagt: "In den letzten sechs Wochen haben wir 13 Afghanen aufgegriffen, das waren nicht mehr als in den Jahren zuvor." Ulrich Pönert vom Bundesgrenzschutz in Guben ergänzt: "Es gibt keinerlei Auffälligkeiten an der Grenze. Von polnischen Kollegen wissen wir, dass sich auch bei ihnen alles im normalen Rahmen bewegt."

Simone Tetzlaff vom Flüchtlingsrat Brandenburgs findet die Schlagzeilen über angebliche Flüchtlingswellen ,,verantwortungslos". Von schätzungsweise 3,5 Millionen afghanischen Flüchtlingen, seien bislang lediglich 28 000 nach Europa gekommen: ,,In Deutschland stellten von Januar bis Mai dieses Jahres 1884 Afghanen einen Asylantrag. Bis vor kurzem lag die Anerkennungsquote bei 1,6 Prozent, während beispielsweise in Dänemark 72 Prozent anerkannt wurden." Seit das Bundesverfassungsgericht im Frühjahr dieses Jahres feststellte, dass man die Taliban durchaus als "staatsähnliche Gewalt" betrachten muss, erhalten allerdings immer mehr afghanische Flüchtlinge auch in Deutschland den Status als politisch Verfolgte. Darauf hofft nun auch Wahid N. mit seiner Familie.

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