Flüchtlinge : Massenabschiebung nach Vietnam geplant

Im Juni soll in Schönefeld erstmals nach langer Zeit wieder ein Charterflugzeug mit Flüchtlingen nach Hanoi fliegen. Verbände kritisieren Massenabschiebung.

Ferda Ataman

SchönefeldZum ersten Mal seit über zehn Jahren ist eine Sammelabschiebung von Vietnamesen aus der Region geplant. Anfang Juni sollen „ausreisepflichtige vietnamesische Staatsangehörige“ in einer Massenabschiebung von Schönefeld nach Hanoi geflogen werden, bestätigte am Dienstag ein Sprecher der Bundespolizei. Sie koordiniert den Charterflug in einer Air-Berlin-Maschine, in der Vietnamesen aus mehreren Bundesländern sitzen werden. Ihre genaue Zahl sei bisher „noch nicht absehbar“, sagte die Polizei.

Viele Vietnamesen in Berlin und Brandenburg sind ohne Papiere oder unter falschem Namen eingereist, die Behörden können sie nur abschieben, wenn ihre Herkunft feststeht. Aus diesem Grund seien in den vergangenen Monaten Beamte aus Vietnam in die Hauptstadt gereist, berichten Berliner Flüchtlingsverbände. Sie hätten die illegal eingewanderten Flüchtlinge als Landsleute identifiziert und einigen von ihnen offenbar Papiere ausgestellt. Damit ermöglichen sie ihre Rückführung in die Heimat. Bislang hat die Berliner Innenverwaltung nicht bekannt gegeben, wie viele Menschen davon betroffen sind. Doch von den rund vierzig Vietnamesen, die sich derzeit in Abschiebungsgewahrsam in Köpenick befinden, werden einige Anfang Juni ihre Koffer packen und in die Sondermaschine einsteigen müssen.

Offiziell leben in Berlin und Brandenburg rund 17 000 Vietnamesen. Viele von ihnen sind ehemalige DDR-Vertragsarbeiter und betreiben heute Restaurants und Gemüseläden. Daneben leben hier auch Flüchtlinge aus dem sozialistischen Küstenstaat in Südostasien – Tausende von ihnen als unangemeldete Bootsflüchtlinge, die im Visier der Ausländerbehörde sind. Sammelabschiebungen wie die im Juni gebe es leider immer wieder, „allerdings schon lange nicht mehr aus Berlin“, sagt Thuy Nonnemann vom Berliner Migrationsrat. Oft bekommen Hilfsorganisationen es gar nicht mit, wenn Flüchtlinge en gros ausgewiesen werden.

Nonnemann, die selbst aus Vietnam stammt, ist Mitglied der Berliner Härtefallkommission, bei der sich nur wenige Vietnamesen melden würden, „weil sie kein Deutsch sprechen und keine Papiere haben“. Insgesamt seien in den vergangenen vier Jahren rund 4000 Menschen in Berlin abgeschoben worden. Inzwischen seien viele Vietnamesen, die hier erwischt werden, nur auf Durchreise. Ihr Ziel sei inzwischen häufig Skandinavien oder England.

Jens-Uwe Thomas vom Berliner Flüchtlingsrat vermutet, dass viele der Betroffenen von der Sammelabschiebung im Juni noch gar nichts wissen. Auch Martin Stark, Leiter des Jesuitenflüchtlingsdienstes in Berlin, sieht ein Problem darin, dass die Menschen erst kurz vor ihrer erzwungenen Abreise davon erfahren werden. 

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben