Boxen : Ganz klein anfangen

Ärzte schlagen Alarm: Jedes vierte Kind ist entwicklungsgestört – das Projekt „Modell-Kita“ soll Abhilfe schaffen

Katja Gartz

Es ist alarmierend: „Viele Kinder sprechen so schlecht Deutsch, dass wir Verständigungsschwierigkeiten haben“, sagt Andrea Thiede, Leiterin der Kita an der Kurfürstenstraße. Von 80 Kindern sind fünf deutscher Herkunft, die meisten stammen aus arabischen Ländern. Sie beherrschen häufig nicht einmal ihre Muttersprache. Nicht nur sprachliche Defizite machen den Kindern zu schaffen: Viele sind übergewichtig, ungesund ernährt, hypermotorisch und können sich schlecht konzentrieren. Jedes vierte der 450 000 Berliner Kinder bis 15 Jahre ist nach Ansicht von Kinderärzten entwicklungsgestört.

Ulrich Fegeler, Kinderarzt und Sprecher des Landesverbands der Kinder- und Jugendärzte macht vor allem die Familien für den schlechten Zustand der Kinder verantwortlich: „Viele Eltern kümmern sich nicht um die Entwicklung ihrer Kinder, bieten ihnen zu wenig geistige Anregungen und sorgen nicht für Bewegungsmöglichkeiten". Das hat zur Folge, das jedes dritte bis vierte Kind von Ergotherapeuten, Logopäden und Krankengymnasten betreut wird. „Mit diesen Entwicklungstherapien werden pädagogische und gesellschaftliche Aufgaben in die Medizin verlagert", kritisiert Fegeler.

Kinderärzte können die Defizite der Kinder aber nur punktuell behandeln. Um benachteiligte Kinder motorisch und sprachlich zu fördern, haben sie gemeinsam mit der AOK, dem Landessportbund und Bezirksverwaltungen das Projekt „Berliner Modell-Kita" entwickelt. An dem Projekt beteiligen sich vier Kindertagesstätten in Spandau und drei in Schöneberg. Gestern ging’s los. Ein Jahr lang kommen ausgebildete Übungsleiter innen in die Kitas, um mit motorischen Übungen die Fitness der Kinder zu verbessern. „Spiele mit Alltagsgegenständen, kleine Tänze mit Liedern sowie Vers- und Reimspiele fördern auch die sprachlichen Fähigkeiten", sagt Gabriele Schwientek vom Turnsportverein Spandau.

Um die sprachlichen Defizite der Kinder auszugleichen, greift das Modellprojekt auf ein Programm des Konstanzer Psycholinguistik-Professors Zvi Penner zurück. In Trainingseinheiten sollen Kinder mit geeigneten Lernmaterialien Sprachregeln entdecken und anwenden. Und auch die Eltern sollen in das Projekt einbezogen werden. Davon profitieren vor allem die Kinder der Kitas im Schöneberger Norden. Viele kommen aus sozial schwachen, bildungsfernen Immigrantenfamilien. Sprachliche Fähigkeiten sind aber die Basis kindlicher Entwicklung und müssen gefördert werden. 50 Prozent der Grundschulkinder nicht deutscher Herkunft können so wenig Deutsch, dass sie dem Unterricht nicht folgen können, 40 Prozent von ihnen haben später keine Berufsausbildung und werden zu Sozialhilfefällen.

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