Boxen : Garnisonkirche: Kommentar: Kulturkampf schadet

Michael Mara

Bis heute sind die Wunden, die Weltkrieg und SED-Herrschaft in Potsdam gerissen haben, unübersehbar: Was Mitte oder Herz der Stadt war, existiert nicht mehr. Ulbricht und Honecker wollten aus der früheren Preußenresidenz eine "sozialistische Metropole" machen. Stadtschloss und Garnisonkirche standen diesen Plänen im Wege: Als Symbole des "preußisch-deutschen Militarismus", aber auch als Hindernisse der "sozialistischen Magistralen".

Zum Glück sorgte die Wende dafür, dass die "zweite Stadtzerstörung" nicht noch weiter voranschreiten konnte. Und zum Glück haben Potsdams Stadtverordnete frühzeitig die Weichen für eine behutsame Annäherung an den historischen Stadtgrundriss gestellt. Mit dem Grundsatzbeschluss zum Wiederaufbau des Stadtschlosses bestehen gute Chancen, dass die Wunde in Potsdams Mitte geheilt wird. Mit der Garnisonkirche tun sich alle Beteiligten hingegen schwer. Dabei kann die Wiederherstellung Potsdams ohne die einstigen Wahrzeichen Stadtschloss und Garnisonkirche nicht gelingen. Das Problem ist, dass alte Feindbilder weiter gepflegt und neue erschaffen werden: So lehnt Potsdams PDS den Aufbau des Turms aus ideologischen Gründen ab - obwohl gerade sie ihn als Akt der Wiedergutmachung eigentlich fördern müsste. Andere zeigen sich besorgt oder schieben vor, dass die Kirche durch den "Tag von Potsdam" Wallfahrtsort für Rechtsextreme werden könnte. Die Befürchtung muss bei der Konzeption für die Nutzung des Turms berücksichtigt werden, darf aber nicht zum Kriterium gegen einen Wiederaufbau werden. Um so wichtiger, dass die Entscheider an einem Strang ziehen und bei den Skeptikern gemeinsam für den Aufbau werben. Insofern ist die Frage berechtigt, ob Ex-General Schönbohm mit seinem Durchmarsch dem Anliegen wirklich nützt. Nichts wäre schädlicher für das barocke Kunstwerk Potsdam als ein neuer Kulturkampf.

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