Boxen : Gegen Rechts: "Soziale Geräusche" gegen Fremdenfeindlichkeit

Michael Mara/Maria Bauer

Riesige Transparente hängen seit Freitag im Frankfurter Einkaufszentrum "Lenn-Passagen" sowie an den Fahnenstangen der Forschungseinrichtung Collegium Polonicum im polnischen Slubice. Darauf zu lesen sind Zitate wie "Es gibt viele Deutsche, die rübergehen ins Bordell" oder "Da ist auch dieser Staat schuld, der hat uns ja nie rausgelassen". Sie stammen aus Interviews, welche die Berliner Künstlerin Judith Siegmund seit einem Jahr mit Bewohnern beider Grenzstädte geführt hat.

Die Absolventin der Hochschule für Bildende Künste in Dresden war mit den Schülern des Kunst-Leistungskurses am Frankfurter Otto-Benner-Gymnasiums losgezogen, um Frauen und Männer auf den Straßen der östlichsten Stadt Deutschlands nach ihrem Verhältnis zu Fremden zu befragen. Mit den Videokameras ihrer Eltern ausgestattet, haben die Schüler einzelne Interviewsituationen gefilmt, die als Zusammenschnitte im Rahmen des Projekts gezeigt werden. Segmente der Interviews zeigt die Ausstellung als Mix an Pinnwänden. Ab heute werden die Antworten als O-Töne auf Transparenten an beiden Seiten der Oder zu lesen sein: "Ich will den Frankfurtern das vorhalten, was sie selbst gesagt haben", so die Ausstellungsmacherin, die damit auf die simple Konfrontation setzt. Interpretieren, auswerten und bilanzieren will sie dabei nicht.

Die Transparente sollen neugierig machen auf eine Ausstellung der 35-Jährigen, die unter dem Titel "Soziale Geräusche" ab Sonntag im Kabinett des Frankfurter Museums "Junge Kunst" gezeigt wird. Tonbandprotokolle, Videointerviews und ausgefüllte Fragebögen, die in den vergangenen Tagen verteilt wurden, bilden den Grundstein ihres interaktiven Projektes. Die in der deutsch-polnischen Grenzregion gesammelten Meinungen unter anderem zum Thema Fremdenfeindlichkeit sollen dabei für sich sprechen.

Armin Hauer, Kurator am Museum Junge Kunst, sieht in der "Ästhetik der Erfahrung" von Judith Siegmann eine Ausweitung des Kunstraumes analog dem Konzept von Joseph Beuys. "Das ist eine Chance für die Städte Frankfurt (Oder) und Slubice, die zu negativen Projektionsflächen der Medien geworden sind. Eine Art monströser Medienyeti, von dem jeder berichtet, ohne ihn je richtig gesehen zu haben". Zum Trash-Projekt "Soziale Geräusche III" mit den aufblasbaren Sesseln und den bunten Tischen gehören auch Filme wie "Performing the border" der Schweizerin Ursula Biemann, der die Sexualisierung der amerikanisch-mexikanischen Grenzregion durch geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen und Prostitution dokumentiert. Bei einer Tasse Kaffee können sich Ausstellungsbesucher anhand der von der Stadt Frankfurt (Oder) bei der Europa-Universität Viadrina in Auftrag gegebenen Studie über das Image der Stadt informieren. Oder auch mehr über den Tod von Flüchtlingen an der deutsch-polnischen Grenze erfahren. Den knappen Etat der Künstlerin haben die Heinrich-Böll-Stiftung und Firmen vor Ort in Form von materiellen und finanziellen Zuwendungen großzügig aufgestockt.

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