Gunther von Hagens : Der Plastinator geht

Der schwer erkrankte Gunther von Hagens schließt einen Teil seines Unternehmens in Guben und entlässt 130 der 180 Mitarbeiter.

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Guben – Deutschlands bekanntester Leichenpräparator Gunther von Hagens hatte schon vor langer Zeit sein Testament öffentlich gemacht: Nach seinem Tod wolle er sich in seiner eigenen Werkstatt plastinieren lassen. Nun könnte ihn das tragische Schicksal früher als erwartet ereilen. Denn der 65-Jährige ist nach eigenen Angaben schwer an Parkinson erkrankt und muss deshalb seine weiteren Pläne für die Grenzstadt Guben stoppen und sich schrittweise zurückziehen. Von den 180 Angestellten seines umstrittenen Plastinariums erhielten 130 zum Ende des Monats die Kündigung. „Die jederzeit öffentlich zugängliche Ausstellung von Leichenpräparaten bleibt vorerst bestehen“, hieß es gestern vom Unternehmen. Wie Beschäftigte dem Tagesspiegel bestätigten, hat Gunther von Hagens schon kurz vor Silvester in einer Betriebsversammlung über seine schwere Erkrankung gesprochen. In bewegenden Worten habe er die „körperlichen Symptome und die seelischen Probleme“ geschildert. Die Schließung seiner Scheibenplastination hatte der Wissenschaftler mit der vor zwei Jahren festgestellten „Diagnose der Ärzte und der fehlenden Aussicht auf Heilung“ begründet.

Für die meisten Beschäftigten und Gubener Einwohner kam die Nachricht völlig überraschend. Schließlich hatte von Hagens erst im November einen weltweiten Onlinehandel mit gehärteten Präparaten von Menschenleichen und Kadavern geschützter Tierarten eröffnet. Ärzte, Wissenschaftler und andere „qualifizierte Nutzer“ konnten hier die unterschiedlichsten Produkte erwerben. Schon seit 1977 praktiziert von Hagens die naturgetreue Konservierung einzelner Organe und ganzer Körper durch den Einsatz von Kunststoffen.

Nun aber zwang ihn die schwere Erkrankung zur Aufgabe aller Zukunftspläne. „Meine Hand zittert, meine Sprache wird undeutlich und verwaschen“, hatte von Hagens den Angestellten berichtet. Selbst zwei ins Gehirn verpflanzte Sonden könnten mit ihren elektrischen Impulsen lediglich erreichen, dass er halbwegs deutlich sprechen könne, ohne allzu sichtbar zu zittern.

In der Gubener Stadtverwaltung reagierten die Kommunalpolitiker schockiert, obwohl längst nicht alle mit dem Plastinarium einverstanden waren. Doch bei allen Vorwürfen der Leichenfledderei, die hier unter dem angeblichen Deckmantel der medizinischen Aufklärung passiert sei, überwog die Erleichterung über die hohe Zahl von Arbeitsplätzen. Es sei daher schlimm, dass die Krankheit eines Unternehmers so drastische Auswirkungen nach sich ziehen würde, sagte Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner (FDP).

Erst im September 2010 hatte Hochwasser der Neiße den Komplex der ehemaligen Tuchfabrik teilweise überschwemmt. Viele Einwohner halfen bei der Beseitigung der Schäden. Das Plastinarium war 2006 eröffnet worden, nachdem von Hagens vergeblich auf eine Genehmigung für eine Werkstatt im benachbarten Polen gewartet hatte. Bis Ende Januar läuft die Produktion von Scheibenplastinaten. Damit wird unter anderem die Wanderausstellung „Körperwelten“ bestückt, die weiterhin in aller Welt gezeigt werde. Claus-Dieter Steyer

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