Boxen : Gut aufgestellt

Das Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte widmet sich dem Einstein-Turm

Claus-Dieter Steyer

Potsdam - Während Potsdam in Deutschland vor allem mit dem Schloss Sanssouci assoziiert wird, sieht es im Ausland ganz anders aus. In den internationalen Reise- und Architekturführern gebührt dem Schloss Cecilienhof und dem Einsteinturm die größte Aufmerksamkeit. Vielleicht aber tritt dieser Turm auf dem Telegrafenberg im Südwesten der Stadt ab heute auch bei inländischen Touristen etwas aus dem Schatten der königlichen Schlösser und Gärten hervor: Im Kutschstall Am Neuen Markt ist jetzt im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte die rund 500 Quadratmeter große Ausstellung „Ein Turm für Einstein“ zu sehen.

Anhand von originalen Fotos, Zeichnungen, Briefen, Modellen, Zeitungsartikeln, Gemälden, Instrumenten und Plastiken wird das „umbaute Experiment“, wie der Ausstellungschef Hans Wilderotter den Turm nennt, in allen Facetten erklärt. Im Mittelpunkt stehen dabei auch die wissenschaftlichen Experimente, denen er ein Haus bietet, vor allem aber das architektonische Meisterwerk von Erich Mendelsohn. Zusammen mit dem Physiker Erwin Finlay Freundlich schuf er zwischen 1919 bis 1924 ein spektakuläres Bauwerk. Dabei ist es von einer gewissen Ironie, dass der Turm seinen eigentlichen Zweck nie erfüllte.

Potsdamer Astrophysiker wollten hier eine Voraussage von Einsteins Relativitätstheorie beweisen: Das Licht der Sonne ist charakteristisch in den Rotbereich des Spektrums hin verschoben – aufgrund der starken Gravitation der Sonne. Um dies zu prüfen, wurde im Einsteinturm ein Fernrohr aufgestellt. Mittels eines Spiegelsystems fing es das Licht auf, welches über weitere Spiegel in ein unterirdisches Labor geleitet und dort in sein Spektrum zerlegt wurde. „Das Experiment schlug fehl, weil die damals verwendeten Instrumente nicht die nötige Empfindlichkeit aufwiesen“, erklärt Wilderotter. „Außerdem berücksichtigten die Wissenschaftler damals zu wenig die Aktivitäten auf der Sonnenoberfläche.“ Bis heute erforschen Astrophysiker vom Einsteinturm aus die Sonnenoberfläche und deren Magnetfelder, auch wenn sie heute vor allem auf Satellitenaufnahmen zurückgreifen.

Wie die Ausstellung zeigt, ging Erich Mendelsohn mit seinem Bau weit über die eigentliche Zweckbestimmung hinaus. Er verband Formen des Jugendstils und des Expressionismus in einer skulpturalen Form. Doch blieb der Bau seit seiner Eröffnung ein „Pflegefall“ für Restauratoren. Einstein selbst experimentierte nie auf dem Telegrafenberg. Er war eben Theoretiker. Es existiert auch nur ein Foto, das das Genie auf der ersten Etage des Turms zeigt. Es entstand im August 1921 und wurde einen Monat später in der „Berliner Illustrirten“ veröffentlicht: Einstein hatte regelmäßig an den Sitzungen des Astrophysikalischen Instituts teilgenommen, das sich unter anderem mit dem Kauf von Instrumenten beschäftigte. In der Bildunterschrift zu dem Foto tauchte erstmals der Name „Einstein-Turm auf dem Telegrafenberg“ auf.

Die Schau im Kutschstall präsentiert außerdem frühe Gemälde und Fotos des Nobelpreisträgers. Darauf ist noch nichts von den späteren Kultbildern zu ahnen, die Einstein mit weißen Haarkranz oder ausgestreckter Zunge zeigen. Allerdings hatte sich ein Tabakhändler in der Berliner Friedrichstraße schon Mitte der zwanziger Jahre die Popularität des Erfinders zunutze gemacht. Er verkaufte Zigarren unter dem Namen „Borchardt’s Relativität“. Den Deckel der Kiste schmückte der Einsteinturm.

Die Ausstellung im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte am Potsdamer Neuen Markt ist bis zum 29. Juni dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet, mittwochs bis 20 Uhr. Der Eintritt kostet 5 Euro, ermäßigt 4 Euro. Der Einsteinturm ist nur nach Voranmeldung zu besichtigen. Weitere Auskünfte unter Telefon 0331/620 8550 und im Internet unter www.hbpg.de

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