Boxen : Haftanstalt Wulkow: Vom Reisebüro zum Luxusknast

Claus-Dieter Steyer

"Reisebüro Bräutigam wieder geöffnet" - diese Schlagzeile wird den vormaligen Brandenburger Justizminister wohl immer begleiten. Denn unter seiner Ressortleitung gingen Häftlinge bis vor anderthalb Jahren regelmäßig stiften. Sie feilten die verrosteten Gitterstäbe durch, seilten sich klassisch mit Bettlaken ab oder bestachen ganz einfach das Personal. Als sogar der Entführer des Geltower Gastwirtssohnes Hintze mit einem aus einer Klobrille gebastelten Nachschlüssel 1998 über das ungesicherte Dach der Potsdamer Anstalt ins Freie gelangte, bot Hans Otto Bräutigam seinen Rücktritt an. Regierungschef Stolpe hielt jedoch zu seinem Minister. Ein gigantisches Programm im Strafvollzug sollte dem "Reisebüro" ein Ende machen. 600 Millionen Mark werden in Neu- und Ausbau gesteckt.

Das erste Ergebnis steht in Wulkow bei Neuruppin. Justizminister Kurt Schelter, der nun die Lorbeeren seines Amstvorgängers erntet, frohlockte. Das neue Gefängnis sei sicher und biete alle Möglichkeiten für die Resozialisierung der Insassen. Stolze 82 Millionen Mark kostete der Bau für 300 Häftlinge. Doch ist dieses Geld wirklich gut angelegt? Hätte in der Ausstattung nicht eine Nummer kleiner gereicht? Angesichts der dramatischen finanziellen Ebbe in den Kassen des Landes und der Kommunen sind erhebliche Zweifel am Wulkower Projekt angebracht.

Da gibt es landesweit nicht genügend Geld für Sozialarbeiter, müssen Jugendclubs schließen, Theater und Orchester machen dicht. Es fehlen Toiletten und Umkleideräume an Sportplätzen, Gemeinden schalten nachts ihre Laternen aus, und Schulen warten ewig auf eine Renovierung oder neue Sporthalle. Auf der anderen Seite steht hinter der sechs Meter hohen Gefängnismauer die modernste Sporthalle der Umgebung, gibt es einen tollen Fußball- und Volleyballplatz, Computerräume mit der Technik vom Allerfeinsten und komfortable Sanitärräume.

Gewiss, die Bevölkerung muss vor den Straftätern und Untersuchungshäftlingen geschützt werden. Ein Ausbruch mit unabsehbaren Folgen für die Allgemeinheit ist unter allen Umständen zu verhindern. Auch die Häftlinge selbst haben natürlich einen Anspruch auf eine menschenwürdige Unterbringung, die in den teilweise 80 bis 100 Jahre alten Anstalten schlecht möglich ist. Doch gerade der Neubau in Wulkow überrascht mit seinem Komfort. Hier Geld sparen und lieber in die Prävention stecken, konkret in die Jugendarbeit, müsste das Motto lauten.

Für Wulkow kommen die mahnenden Worte zu spät. Doch Brandenburg baut weitere, noch viel größere Haftanstalten in Cottbus und Duben. Vielleicht fällt die öffentliche Kontrolle gerade in dieser Branche nicht leicht. Welcher Landtags- und Kreistagsabgeordnete kennt sich schon mit Bauplänen einer Haftanstalt aus? Deshalb sollten gerade sie den Besichtigungstag in zwei Wochen nicht verpassen. Noch ist es Zeit, angesichts der Luxusausstattung in Wulkow bei den anderen Projekten auf die Bremse zu drücken.

Niemand will zurück zum "Reisebüro Bräutigam". Niemand will an der Sicherheit der Haftanstalten sparen. Aber Zwei- oder Drei-Mann-Zellen sind wohl ebenso zumutbar wie ein einfacher Sportraum oder die Hälfte der Computer. Haftanstalten dürften kaum zur Attraktivität eines Landes beitragen, obwohl es der Minister so bezeichnete. Das arme Brandenburg kann sich solche Prachtbauten einfach nicht leisten.

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