Boxen : Hausbesetzer: Nach der Räumung eines Hauses kommt Potsdam nicht mehr zur Ruhe

Michael Erbach / Alexander Pajevic

"Besetzte Häuser immer wieder" steht auf einem riesigen Stofftransparent an einer Wand in der zweiten Etage des Hauses Kurfürstenstraße 5 im Holländischen Viertel. Davor Matratzen, Decken, herumliegende Kleidungsstücke, Flaschen, Schmutz, Unrat. Im Nebenraum ein ähnliches Bild: das Bett ungemacht, ganze Kisten voller Schallplatten, und auch hier wieder eine Unmenge an Flaschen. In der Küche taumeln dicke Fliegen summend gegen das Fenster, riecht es nicht nur muffig, wie in vielen anderen Räumen, sondern nach verfaulendem Obst und Gemüse. Brotkanten schimmeln vor sich hin, eine halbgeleerte Margarinenbüchse steht verloren auf dem Fußboden, der Deckel liegt ein Stück weiter neben einem Tischbein. Das Abwaschbecken ist voll mit schmutzigem Geschirr, davor ein Eimer mit einer undefinierbaren glasig-fettigen Masse.

Seit dem vergangenen Donnerstag steht das Haus leer - nach jahrelanger Besetzung. Ein Brand in einem Zimmer des Hinterhauses hätte beinahe zu einer Katastrophe für das Holländische Viertel geführt: die Feuerwehr entdeckte bei der Brandbekämpfung Farben und Lacke auf dem Dachbode.

Doch seit dem Brand und der damit verbundenen Räumung des Hauses kommt Potsdam nicht mehr zur Ruhe: Brände, eingeschlagene Fensterscheiben, demolierte Autos, nicht angemeldete Demonstrationen, Festnahmen, verletzte Polizisten. Polizeiautos mit Blaulicht und Sirenen gehören seit Tagen zum Stadtbild.

Die in den letzten Jahren eher friedlich gewordene Hausbesetzerszene ist offenbar in Endkampfstimmung. Dabei steht der zuständige Beigeordnete Jann Jakobs (SPD) auch weiterhin zu der seit Jahren erprobte Strategie der Stadt: Verhandlung und Deeskalation. Jakobs will sich nicht beirren lassen, trotz der rüden Attacken der CDU. So verglich deren Kreisvorsitzender Wieland Niekisch die Randale der vergangenen Tage mit der "Kristallnacht". "Wir wollen zu legalen Mitverhältnissen kommen", sagt Jakobs, zudem könne von besetzten Häusern eigentlich keine Rede mehr sein: "Es gibt kein Haus, wo die Besetzung nicht vom Eigentümer zumindest geduldet wird."

Auch der Eigentümer der Kurfürstenstraße 5, der Potsdamer Gastronom Frank Schuster, hat die Besetzung seines Hauses jahrelang geduldet. Er erstattete weder Anzeige, noch klagte er auf Räumung. Er erzählt, wie er sich sogar dafür eingesetzt hat, dass die illegale Kneipe im Erdgeschoss von den Behörden nicht dicht gemacht wird.

Jetzt ist die Kneipe mit Metallplatten verrammelt, ist der kleine Raum, in dem sich sonst Dutzende von Menschen aufhielten, ein einziger Berg Müll - Spuren der Brandbekämpfung und der versuchten Wiederbesetzung am vergangenen Dienstag. "Dies ist keine öffentliche Gaststätte" haben die Besetzer auf ein Schild gemalt. Dennoch lagern hier Dutzende Bierkästen, viele mit vollen Flaschen, dazu Saft, Clausthaler - viel zu viel für eine Hausgemeinschaft, die ab und zu Gäste empfängt.

Das Chaos in diesen Räumen setzt sich im gesamten Gebäude fort. Mindestens 20 Zimmer in dem dreistöckigen, weiträumigen Gebäudekomplex sind belegt gewesen - überall ein Durcheinander aus alten Möbeln und Wäsche. Nur ein Zimmer ist anders: sauber, mit hellen Möbeln, ein gemachtes Bett. Der Kuschelhase liegt neben dem Kopfkissen.

An diesem Montag sind auch wieder einige der früheren Bewohner gekommen, um ihr Hab und Gut abzuholen. "Vorsicht, die Treppe", warnt einer der jungen Männer den Polizisten, der ihn durch das Haus begleitet. Ein anderer sieht im Hof nach seinem Fahrrad, ehe er es durch das verwaiste Haus zum Vorderausgang schiebt.

Wer zu dem Seitenflügel will, in dem der Brand tobte, muss über den Hinterhof. Dort steht eine Madonnafigur - anklagend mit einem Kranz aus Stacheldraht auf dem Kopf. Symbol unterdrückter Freiheit? Frank Schuster, der Eigentümer, hat auch nach der Inspektion seines verwahrlosten Hauses noch Sympathie für die Besetzer. "Sie sind gut mit dem Haus umgegangen", sagt er. Er will das denkmalgeschützte Haus sanieren lassen. "Wenn die jungen Leute, die hier wohnen wollen, dabei mitziehen und auch bereit sind, Mietverträge zu unterzeichnen, könnten sie wiederkommen", sagt Schuster.

Noch sechs besetzte Häuser gibt es in Potsdam. Mit allen Bewohnern wird über Mietverträge verhandelt. Anderswo scheint das alternative Wohnen schon eine anerkannte Heimstatt gefunden zu haben. Während es gerade im Umkreis von besetzten Häusern immer wieder Beschwerden über Lärm und Schmutz gibt, hat sich in der Pasteurstraße ein Verein gegründet, der sich um die Legalisierung des dortigen Wohnprojektes "Freunde der Pasteurstraße 33" bemüht. In einem offenen Brief, den zahlreiche Anwohner unterzeichnet haben, heißt es, die jetzigen Bewohner seien "eine angenehme Bereicherung für die sozialen Beziehungen in unserer Straße".

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