Boxen : Hausboot-Tour: Was will man Meer?

Claus-Dieter Steyer

Die Brücke treibt dem Skipper Schweißperlen auf die Stirn. Hier soll ein Hausboot durchpassen? Der bange Blick geht nach rechts und links. Niemals! Die Zweifel wachsen. Doch Umkehren kommt nicht in Frage. Also langsame Fahrt voraus, die Hände fest ums Steuerrad gelegt. Nur wenige Meter sind es noch bis zur Brücke. Plötzlich ertönen merkwürdige Geräusche. Wie von Geisterhand dirigiert, passiert die kleine Yacht die knifflige Stelle. Lächelnd steigt ein erfahrener Bootskapitän die Treppe aus dem Aufenthaltsraum unter Deck herauf. Er klopft dem Neuling auf die Schulter und lüftet das Geheimnis: Mit Bugstrahlern brachte er das Boot aus dem Bauch heraus auf den richtigen Kurs. "Die nächste Brücke schaffen Sie allein", sagt er und erklärt die Knöpfe für die hilfreichen Strahler.

Carlos Beck, Direktor des vor zwei Jahren eröffneten Hafendorfes in Kleinzerlang bei Rheinsberg, hat sich Zeit für diese Schnuppertour auf der Mecklenburger Seenplatte genommen. "Sie merken selbst, wieviel Spaß so eine Hausboot-Tour macht", sagt der gebürtige Kolumbianer. "Das schönste aber ist, dass Sie die Hausboote bei uns und einigen anderen Unternehmen ohne Führerschein mieten dürfen." Das sei eine wunderbare Förderung des Wassertourismus. "Hoffentlich wird das Experiment fortgesetzt."

Im April vergangenen Jahres hatte das Bundesverkehrsministerium ein "Fahren ohne Sportbootführerschein" auf ausgewählten Gewässern zugelassen. Bis vorerst 2002 dürfen im Bereich zwischen Zehdenick, den Templiner, Lychener und Rheinsberger Gewässern bis zur Müritz Anfänger ohne amtliches Zeugnis ein Motorboot führen. Dessen Höchstgeschwindigkeit darf zwölf Kilometer pro Stunde nicht übersteigen. Außerdem schreibt die Regelung eine gründliche Einweisung der Mieter von mindestens vier Stunden vor.

Vor allem Familien mit Kindern, ältere Ehepaare und Vereine nutzen das Angebot. "Bislang gab es keinen nennenswerten Unfall", erklärt Hoteldirektor Beck. Der größte Teil der Schnuppertourengäste entschließe sich nach der ersten Tour mit einem Hausboot zur richtigen Bootsführerprüfung. "Das Schiff ist ein Männerspielzeug", sagt Walter Kussmaul, Eigentümer der Marina Wolfsbruch in Kleinzerlang. "Da will jeder das gemietete Boot voll auskosten und entweder bis nach Berlin oder über die Müritz fahren." Mit 3000 Seen und etwa 30 000 Kilometern Fließgewässer ist Brandenburg eine der wasserreichsten Regionen Europas und das wasserreichste deutsche Bundesland.

Bootsvermieter und das Verkehrsministerium Brandenburgs bestätigen die guten Erfahrungen aus dem Rheinsberger Revier. Die Potsdamer Behörde geht deshalb von einer Verlängerung des Pilotprojektes und einer Ausdehnung des Streckennetzes aus. Sorgen, dass der Verkehr mit Hausbooten auf den Gewässern stark zunehmen wird, begegnet Hoteldirektor Beck mit einer Rechnung. Das niederländische Wasserstraßennetz macht nur ein Drittel der brandenburgischen Netzes aus. In den Niederlanden verkehren aber 40 000 Hausboote, im Bundesland Brandenburg sind es allerdings nur rund 1000. Davon bewegen sich rund 450 Schiffe über die Mecklenburger Seenplatte. Da bleibt also noch genügend Manövrierraum für Anfänger. Enge Brückendurchfahrten sind erfahrungsgemäß spätestens nach dem dritten Mal Routine.

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