Boxen : Helmut Kohl auf Zeitreise

Ex-Bundeskanzler besucht Strausberg

Claus-Dieter Steyer

Strausberg – Wer sich im Wahlkampf in die Höhle des Löwen wagt, braucht schwergewichtige Argumente. Das dachte sich wohl die Brandenburger CDU, als sie sich für den Höhepunkt ihrer Kampagne vor der Abstimmung am Sonntag ausgerechnet für Strausberg entschied. In der Stadt am östlichen Berliner Stadtrand holte die PDS bei den Kommunalwahlen vor fast einem Jahr 42 Prozent. CDU und SPD blieben am Sitz des DDR-Verteidigungsministeriums unter 20 Prozent. Nun aber sollte mit Alt-Kanzler Helmut Kohl der Spieß umgedreht werden. Er sprach vor rund 400 Menschen im einstigen NVA-Klubhaus vor allem über die Fehler der jetzigen Bundesregierung im Bildungswesen, bei Hartz IV und in der Förderung des Mittelstandes.

„Der Auftritt von Kohl war eine Idee von Jörg Schönbohm“, sagte Manfred Leitner, CDU-Pressesprecher im Kreis Märkisch Oderland. „Der General wollte damit ein Zeichen setzen“, zitierte er den Innenminister, der einst die NVA auflöste und sie teils in die Bundeswehr integrierte. „Für den Alt-Kanzler gilt genau wie für den Bundeskanzler nach wie vor Sicherheitsstufe eins“, hieß es von der CDU. Polizei und private Sicherheitsdienste schirmten den Klub ab.

Den meisten Beifall erhielt Kohl für seine kritischen Erinnerungen an den deutschen Einigungsprozess. Es schmerze ihn heute noch, dass Wirtschaftsunternehmen den Osten oft nur als ein Absatzgebiet für ihre Waren betrachteten und nicht genügend investiert hätten. Heute sei er mit knapp 75 Jahren zwar ein „auslaufendes Modell“, aber er vertraue der Jugend. Manchmal verhaspelte er sich allerdings ein wenig. Großunternehmen würden keine Arbeitsplätze mehr schaffen, sagte er: Das sei höchstens noch „in Teilen der DDR“ möglich. Die CDU-Anhänger verziehen ihm und riefen „Helmut, rette uns!“

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