Boxen : Hoch über der Oder endet aller Streit

CLAUS-DIETER STEYER

SCHWEDT .Der Ausflügler in das Untere Odertal merkt nichts vom heftigen Streit um Brandenburgs einzigen Nationalpark.Er setzt sich in den Zug nach Schwedt und radelt los, fährt mit dem Auto nach Stolpe, Criewen oder Gartz und leiht sich dort ein Rad aus oder erkundet von Mescherin aus die mitten im Wald gelegene Höhle.In allen Fällen taucht er ein in eine zauberhafte Gegend, die trotz aller Schlagzeilen, Landtagsdebatten und allerlei Protestaktionen von Landwirten, Bürgermeistern und Unternehmern gegen vermeintlich strenge Naturschutzauflagen noch weitgehend unberührt von großen Touristenströmen liegt.

Dabei kann das rund 60 Kilometer lange und zwei bis vier Kilometer breite Untere Odertal zwischen den Vororten von Szczecin (Stettin) und Hohensaaten mit gutem Gewissen zu jeder Jahreszeit für einen Tages- oder Wochenendausflug empfohlen werden.Besonders das Wechselspiel der Oder macht den Landstrich so unverwechselbar.Während beispielsweise weiter südlich jedes Ansteigen des Pegelstandes die Alarmglocken schrillen läßt, steht das Wasser zwischen Stolpe und Stettin oft meterhoch auf den Wiesen und Weiden oder in den Auenwäldern.Diese Polder - Flächen zwischen den einzelnen Deichen - werden meist von November bis April überflutet.Dann kann das von Tausenden Wasservögeln angesteuerte Gebiet nur noch auf den Deichen erkundet werden.

Mitunter hält sich die Natur aber nicht an den jahrhundertealten Zeitplan.Im letzten Sommer mußten bei Schwedt auch im Juli die Polder geflutet werden, um den Druck des Oderhochwassers etwas abzuschwächen.Selbst in diesen Tagen sind einige Wiesen noch überschwemmt.Das Winterhochwasser habe etwas zu spät eingesetzt und ziehe sich deshalb über einen längeren Zeitraum zurück, heißt es von den Fachleuten.Große Behinderungen für den Radfahrer oder Wanderer gehen davon aber nicht aus, höchstens die Schäfer und Rinderhirten können ihre Herden noch nicht auf die saftigen Flächen treiben.

Aus der Vielzahl der Ausflugsziele im Odertal sei heute der im Norden gelegene Ort Mescherin zu empfehlen.Autofahrer brauchen aus Berlin rund 90 Minuten, fast genauso schnell sind Zugreisende bis nach Schwedt, obwohl ihnen noch eine 25 Kilometer lange Tour bis zur einstigen Sommerfrische für Berliner und Stettiner bevorsteht.Der Weg in den 380-Seelen-Ort lohnt vor allem wegen der herrlichen Aussicht vom Stettiner Berg über die Oderlandschaft bis in die große polnische Hafenstadt.

Vergessen scheint hier aller Zank um den rund 11 500 Hektar großen Nationalpark, in dem bis 2006 die Hälfte der Fläche zu Totalreservaten erklärt werden soll.Landwirte, Hoteliers und Geschäftsleute fürchten um ihre Existenz und reden von Aussperrung aus der angestrebten Wildnis.Der Konflikt entzündete sich zuletzt an dem von Schwedt gewünschten neuen Grenzübergang mit einer kilometerlangen Trasse durch den Nationalpark.Der Bürgermeister und die Chefs der großen Industrieunternehmen warfen insbesondere dem Verein der Freunde des Deutsch-polnischen Europa-Nationalparks vor, mit Mitteln des Bundesumweltamtes Flächen in dem vorgesehen Straßenkorridor kaufen zu wollen, um den Bau zu verhindern.Statt dessen sollten in dem Gebiet Elche ausgesetzt werden.

"Alles Quatsch", sagt der neue Vereinschef Thomas Berg."Es handelt sich bei dem "Elchpapier" nur um einen Entwurf.Außerdem sind wir jederzeit bereit, gewünschte Flächen für einen eventuellen neuen Grenzübergang wieder herauszugeben." Der Verein wolle eine hohe Akzeptanz des Parkes in der Bevölkerung erreichen.Auf der Anhöhe über Mescherin kann man diesen Streit vergessen.In Gedanken versunken, verfolgt der Blick einen Oderdampfer oder den Flug eines Reihers.Vor der anschließenden Tour mit einem ausgeliehenen Fahrrad oder einem Boot kann sich im Strandcafé oder am Kiosk gestärkt werden.Zwar bleibt der Weg in den polnischen Teil des Odertals über die Mescheriner Brücke allen von weither angereisten Besuchern versperrt, doch der deutsche Abschnitt genügt vollkommen.

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