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Hochwasser bleibt noch mehrere Tage : Sorge um die Deiche

"Die Lage ist ernst, aber unverändert", beschrieb Professor Matthias Freude am Donnerstag die Hochwasserlage. Die Sorgen wegen des Dauerdrucks des Hochwassers auf die Deiche steigt. Für Berlin besteht keine Überflutungsgefahr.

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Bei Bad Liebenwerda erreicht das Wasser fast die Deichspitze. Helfer dichten den Deich am Seitenarm der Schwarzen Elster ab. Foto: dapd
Bei Bad Liebenwerda erreicht das Wasser fast die Deichspitze. Helfer dichten den Deich am Seitenarm der Schwarzen Elster ab.Foto: dapd

Der anhaltend starke Druck des Hochwassers auf die Deiche in Südbrandenburg bereitet den Fachleuten Sorgen. Die Dämme der Schwarzen Elster seien viele Jahrzehnte alt, sagte ein Sprecher des Katastrophenstabes in Herzberg (Elbe-Elster) am Donnerstag. Der Wasserdruck habe zu mehreren Sickerstellen geführt, die nur mit großem Einsatz repariert werden konnten.

Derweil erreichte der Scheitelpunkt des Flusses die Kleinstadt, wo weiter die höchste Alarmstufe 4 gilt. Auch in Guben (Spree-Neiße) näherte sich die Neiße dem Scheitelpunkt, dort gilt jetzt die Stufe 3. Einige Straßen und Keller in Ufernähe wurden überflutet.

Noch bis Anfang kommender Woche werden weite Teile Südbrandenburgs gegen das Hochwasser kämpfen müssen. Bis dahin bewegen sich nach Einschätzung des Landesumweltamtes die Pegel von Schwarzer Elster, Spree und Neiße im Alarmbereich. Hunderte Einsatzkräfte von Feuerwehr und Polizei sowie unzählige freiwillige Helfer werden bis dahin weiterhin die Deiche und Dämme verteidigen, um Überflutungen von Häusern zu verhindern. Sieben Wochen nach der letzten Flut hatten heftige Regenfälle viele Brandenburger Flüsse und Bäche auf teilweise noch nie zuvor gemessene Höchststände ansteigen lassen.

Hochwasser in Brandenburg
1. Oktober: Die Auswirkungen des Hochwassers sind überall zwischen Elsterwerda, Bad Liebenwerda und Herzberg deutlich zu sehen. An vielen Stellen sind Deiche gerissen oder unterspült, so dass Häuser und Grundstücke überschwemmt wurden. Felder und Wiesen stehen teilweise kilometerweit unter Wasser, zahlreiche Strassen sind gesperrt. Foto: dapdWeitere Bilder anzeigen
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30.09.2010 11:271. Oktober: Die Auswirkungen des Hochwassers sind überall zwischen Elsterwerda, Bad Liebenwerda und Herzberg deutlich zu sehen. An...

„Innerhalb von drei Tagen kamen so viele Niederschlagsmengen vom Himmel, die wir gewöhnlich in zwei Monaten registrieren“, sagte der Präsident des Brandenburger Landesumweltamtes, Professor Matthias Freude. Vielerorts seien 160 Liter und mehr Wasser auf einen Quadratmeter niedergegangen. Die völlig aufgeweichte Landschaft könne die Regenmassen nicht mehr aufnehmen. Im Süden Brandenburgs sind dadurch auf einer Länge von 150 Kilometern rund 50 große und kleine Flussläufe angestiegen.

Am Mittwoch hatte sich die Lage in Südbrandenburg dramatisch zugespitzt. Für den Landkreis Elbe-Elster wurde Katastrophenalarm ausgelöst. Im Zentrum von Elsterwerda mussten 2500 Einwohner ihre Wohnungen räumen, auch das Krankenhaus wurde evakuiert. Wie die Polizei mitteilte, brachten Helfer rund 104 Patienten mit Blaulicht und Hubschraubern in Kliniken nach Herzberg und Finsterwalde. Flutgefahr besteht auch in Bad Liebenwerda, in mindestens 16 Schulen des Landkreises fällt heute der Unterricht aus. Die Schwarze Elster, die sonst recht gemächlich von Ost nach West fließt, hat einen bislang noch nie gekannten Pegelstand erreicht.

„So viel Wasser haben die Anrainer in den letzten 100 Jahren noch nicht gesehen“, sagte der Präsident des Landesumweltamtes, Matthias Freude am Mittwoch. „Die Schwarze Elster steht 14 Zentimeter über den bisher verzeichneten Höchstmarken.“ Noch immer kommen aus Sachsen weitere Wassermassen nach. Sowohl in Elsterwerda als auch in Bad Liebenwerda waren Deiche gerissen, so dass sich die Fluten ihren Weg in die Straßen suchten. Dutzende Grundstücke wurden überschwemmt. Landwirte rechnen mit Schäden in Millionenhöhe.

Angst vor der Flut - Dramatische Bilder aus Sachsen
Ein Auto fährt am Dienstag in Kodersdorf, nahe der deutsch-polnischen Grenze, über eine vom Hochwasser der Weißen Schoeps überfluteten Strasse. Foto: dapdWeitere Bilder anzeigen
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28.09.2010 11:49Ein Auto fährt am Dienstag in Kodersdorf, nahe der deutsch-polnischen Grenze, über eine vom Hochwasser der Weißen Schoeps...

Trotz des großen Einsatzes des Technischen Hilfswerks stand das Hochwasser der Pulsnitz am Donnerstagmorgen noch immer auf der Autobahn A 13 zwischen Berlin und Dresden. Schon am Mittwoch musste die A 13 an der sächsisch-brandenburgischen Landesgrenze gesperrt werden. Zwischen Schönborn und Ortrand bleibt die Fahrtrichtung nach Berlin weiter gesperrt. Für die Fahrt nach Dresden steht eine Spur zur Verfügung. „Wir pumpen pro Sekunde 5 000 Liter auf die Felder“, sagte der Einsatzleiter des Technischen Hilfswerks am Morgen. „Aber die Fluten drücken immer wieder nach.“

Auch nach Ansicht von Ministerpräsident Matthias Platzeck ist das aktuelle Hochwassers „bedeutend stärker“ als das vor sieben Wochen. Diesmal seien sogar sämtliche Bäche betroffen, die ihr Wasser mit Macht in die Schwarze Elster und Spree beförderten. Nach den tagelangen Regenfällen könne die Landschaft keine Niederschläge mehr aufnehmen. Erschwerend komme hinzu, dass im Unterschied zum August die Niederschläge nicht im Einzugsgebiet von Neiße und Oder im Riesengebirge niedergehen, sondern direkt in der sächsischen und brandenburgischen Lausitz. „Gewöhnlich kann der Waldboden mühelos 100 Liter Regen pro Quadratmeter aufnehmen“, sagte Wolfgang Genehr vom Landesumweltamt. „Aber diesmal fielen ja in drei Tagen 160 Liter Wasser vom Himmel.“ Da sei es verständlich, dass Flüsse überlaufen. Eine ähnliche Situation mit sich wiederholenden Hochwassern habe es in der Region Anfang der fünfziger Jahre gegeben. Aber die Auswirkungen seien weit weniger schlimm gewesen.

Der Chef des Landesumweltamts sieht eine Ursache in den Wetterkapriolen in der Klimaveränderung. „Wir müssen uns auch künftig auf längere Trockenperioden und Zeiten mit starken Niederschlägen einstellen.“ Der aktuelle Starkregen war durch das Zusammentreffen von warmer Luft aus dem Süden und kalter Luft aus dem Norden ausgelöst worden.

An der Spree bei Spremberg und an der Neiße südlich von Forst besteht die höchste Alarmstufe 4. Hier halten allerdings die Deiche dem Druck noch stand. Am Mittwochnachmittag verschärfte sich die Situation in Spremberg. Die Spree trat in einigen Vororten über die Ufer. Deshalb musste stellenweise der Strom abgeschaltet werden. Das Klärwerk stellte seinen Betrieb ein. Abwässer gelangten daher ungereinigt in die Spree.
Keine Gefahr besteht im Moment für das hinter der Talsperre Spremberg gelegene Cottbus, den Spreewald und schließlich auch für Berlin. Das Spremberger Becken war wegen Bauarbeiten fast ohne Wasser. Daher kann hier die Spree „zwischengespeichert“ werden. Derzeit fließen 100 Kubikmeter Wasser pro Sekunde in die Talsperre, normal sind etwa acht Kubikmeter. Für mindestens zwei Tage soll die Kapazität reichen.

In Elsterwerda und Bad Liebenwerda hat sich der pausenlose Einsatz hunderter Einsatzkräfte dagegen gelohnt. Die ganze Nacht über hatten sie mit Sandsäcken Sickerstellen entlang der Schwarzen Elster geschlossen und so großflächige Überschwemmungen verhindert. „Die Lage ist glücklicherweise stabil“, sagte  Bürgermeister von Elsterwerda, Dieter Herrchen.

Aktuelle Informationen zum Hochwasser sind im Internet abrufbar unter: www.internetwache.brandenburg.de/hochwasser

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