Boxen : Im Lindenhotel hatte nur die Stasi Recht

Neun Häftlinge aus DDR-Zeiten berichten von ihren Aufenthalten im Geheimdienstgefängnis

Werner van Bebber

Potsdam – Es geht: Man kann sogar die Haft in einem Stasigefängnis derart verarbeiten, dass ein Leben ohne Schlafstörung und Angstanfälle möglich ist. Dieter Drewitz hat das geschafft. Er ist Anfang 60, ein kleiner Mann mit kräftigen Schultern in einem gestreiften Jackett und einem freundlichen Gesicht. Er habe in der DDR und später im Westen offen über seine Haftstrafen gesprochen, sagt er. Er sei ein offener Typ – man glaubt es ihm gerne. Seine Frau behaupte allerdings, er habe von der Haft ein paar Macken behalten.

Drewitz ist einer von neun Häftlingen, deren Schicksal im Potsdamer Stasi-Knast das Buch „Das Lindenhotel“ beschreibt. Autorin Gabriele Schnell hat es am Mittwochabend vorstellt. Drei der neun Häftlinge waren dabei.

Die kleine, schreckliche Haftanstalt hat ihren netten Namen von der Lindenstraße in der Potsdamer Altstadt. Die Verhältnisse und Prozeduren im Stasi-Gefängnis erinnern eher an ein Dritte-Welt-Land. Die Häftlinge im Lindenhotel wurden, die Berichte zeigen es, jeder zeitlichen Orientierung beraubt. Der enge Innenhof mit den großen Leuchten war nicht für Hofgänge gedacht – die Häftlinge wurden für eine Weile in so genannte Freiluftzellen gesperrt. Verhöre erfolgten zu jeder Tages- und Nachtzeit, es konnten aber auch viele Tage vergehen, ehe ein Häftling wieder aus der Zelle herausgeholt wurde, Tage, an denen nichts geschah, graue Tage, an denen von der Zelle aus nicht einmal die Farbe des Himmels genau zu erkennen war.

All das hatte Tradition an diesem Ort: Bevor das Haus an der Lindenstraße zum Stasi-Gefängnis wurde, hatte es dem sowjetischen Militärgeheimdienst als Haftanstalt gedient, davor den Nazis. Der Zellentrakt im Hinterhof des Stadtpalais ist aus der Kaiserzeit. Wie viele Häftlinge die Russen dort festhielten, weiß niemand, und auch die Männer vom Ministerium für Staatssicherheit haben sauber gemacht und aufgeräumt, bevor sie am 5. Dezember 1989 ein paar Bürgerrechtlern vom Neuen Forum Potsdam öffneten. Nur eine Kartei mit rund 7000 Karten blieb übrig. Aus ihnen hat Gabriele Schnell rekonstruiert, wie viele Häftlinge aus welchen Gründen verhaftet wurden. Dieter Drewitz wurde beschuldigt, Informationen für die Amerikaner gesammelt zu haben. Alwin Lache hatte als 17 Jahre alter junger Mann in Premnitz einen Rock’n’Roll-Piratensender betrieben: ein Jahr Knast. Siegfried H. – nicht jeder der Häftlinge wollte seinen Nachnamen veröffentlichen – war 1951 einer der ersten Stasi-Häftlinge. Er sagte am Mittwochabend, die Verhöre von damals seien noch immer der Stoff für schreckliche Träume.

Gabriele Schnell: „Das Lindenhotel“. Berichte aus dem Potsdamer Geheimdienstgefängnis. Chr.Links Verlag 2005, 12,90 Euro

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