Boxen : "Irgendwann muß mit den Schändungen Schluß sein"

SABINE BEIKLER

FLECKEN ZECHLIN .Zivilcourage zeigten im vergangenen Jahr 15 Jugendliche aus Flecken Zechlin, einem kleinen Ort unweit von Rheinsberg (Ostprignitz-Ruppin).Dreimal wurde der russische Ehrenfriedhof der Gemeinde von unbekannten Tätern geschändet - dreimal stellten die Schüler der zehnten Klasse der Gesamtschule die umgestoßenen Grabsteine wieder auf und reinigten sie.Für ihr Engagement erhielten sie jetzt den ersten Preis im Bundeswettbewerb "Zivilcourage", den der Schulbuchverlag Volk und Wissen ausgeschrieben hatte.Schirmherr ist der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer, in der Jury saß auch eine Vertreterin des Tagesspiegels.Am Donnerstag will der sachsen-anhaltinische Ministerpräsident Reinhard Höppner (SPD) den Schülerinnen Carina Halbeck und Sandra Jahnkow stellvertretend für die Gruppe den mit 2000 Mark dotierten Preis auf der Leipziger Buchmesse offiziell überreichen.

"Wir haben nicht nachgelassen, weil wir uns gedacht haben, irgendwann muß mit den Schändungen eben mal Schluß sein", erklärt der 16jährige Tino Pape das Engagement der Gruppe.Das erste Mal rissen unbekannte Täter kurz vor Ostern 1998 Grabsteine aus ihrer Verankerung.Die Jugendlichen hatten gerade an einem Seminar der in Flecken Zechlin ansässigen und einzigen ostdeutschen Jugendbildungsstätte des DGB teilgenommen.Unter dem Motto "Fremd und anders" organisierte die Einrichtung ein Zusammentreffen mit russischen Jugendlichen.Die Mädchen und Jungen gingen von Tag zu Tag immer offener miteinander um, sagt Hermann Nehls, Leiter der Bildungsstätte.Die deutschen Gruppenteilnehmer hätten die russischen Jugendlichen ihren Familien vorgestellt und viel mit ihnen unternommen.Kurz nach Abreise der russischen Gäste brachte Nehls dann die Nachricht von der Grabschändung."Die Jugendlichen sagten von sich aus, daß sie den Friedhof instandsetzen wollen," erinnert er sich.Die Bildungsstätte sponserte das Material, Schulleiterin Bärbel Colditz gab der Gruppe für den Einsatz unterrichtsfrei.

Als im September ein zweites Mal der Friedhof der Gemeinde geschändet wurde, war "für uns völlig klar, daß wir die Gräber wieder herrichten", sagte Carina Halbeck.Vier Wochen später demolierten erneut unbekannte Täter die Ruhestätte.Vor dem Friedhof organisierten engagierte Bürger eine Demonstration, an der auch Brandenburgs Justizminister Hans Otto Bräutigam teilnahm."Der hat uns gesagt, daß er so etwas nicht dulden wird", sagt eine Schülerin.Beim dritten Mal wurde auch der Gemeinderat aktiv, der sich nach Angaben des Bildungsstättenleiters zuvor "sehr zurückhaltend" verhalten habe.Die Schüler erhielten Verpflegung und Pflanzen für die Gräber.

Bisher haben die Flecken Zechliner Jugendlichen ihren russischen Freunden nichts von den Vorkommnissen im Ort erzählt."Dann könnten die denken, wir wollen keine Russen bei uns", erklärt Carina Halbeck.Die Jugendlichen betonen, daß sie durch das Seminar und den Kontakt zu den russischen Gleichaltrigen "ein anderes Bewußtsein gekriegt" hätten.Auch der Ehrenfriedhof am Rande des Ortes sei in ihren Gedanken präsenter als zuvor."Früher bin ich da einfach nur vorbeigefahren, heute gucke ich schon mal rüber", sagt Mirco Liske.

In ihrer Bewerbung für den Wettbewerb "Zivilcourage" schreiben die Schüler, daß Besucher nach rechtsradikalen Übergriffen in der Region "einen großer Bogen um unsere Gegend" gemacht hätten.Als einen der Beweggründe für ihr Engagement nennen sie: "Wir hoffen, daß mit unseren Aktionen ein Meilenstein in der Geschichte unserer Region gesetzt wurde, daß einige Menschen aus ihren Schneckenhäusern kriechen, sich aufrichten und ihr Antlitz offen zeigen."

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