Boxen : Kaninchen für Kim Jong Il

Seit 42 Jahren züchtet Karl Szmolinsky „Deutsche Riesen grau“. Jetzt verkauft er die Tiere nach Nordkorea

Matthias Matern,Holger Wild

Eberswalde - Im April geht Karl Szmolinsky auf große Reise, von Tegel über Frankfurt am Main und Peking nach Pjöngjang, Nordkorea. Es ist die erste Auslandsreise des 67-Jährigen, und sie führt ihn ausgerechnet in eines der exotischsten Länder der Erde, in die hermetisch abgeriegelte Diktatur des „Lieben Führers“ Kim Jong Il.

Doch Karl Szmolinsky aus Eberswalde wird in Pjöngjang überaus gerne erwartet. Die Genossen wollen von seiner langjährigen Erfahrung als Züchter profitieren. Szmolinsky soll den Genossen vor Ort Tipps geben, wie man Kaninchen behandelt und aufzieht, auf dass sie schön groß und dick werden und sich auch eifrig vermehren – so wie bei ihm in Eberswalde. Zwölf Kaninchen hat er bereits nach Nordkorea verkauft; vier weitere hat das Land, in dem vor einigen Jahren auch Menschen vor Hunger Gras essen mussten, bestellt.

„Die ersten zwölf waren für einen Streichelzoo vorgesehen. Die anderen sollen den Grundstock für das Zuchtprogramm bilden“, erklärt Szmolinsky, der seit 42 Jahren Erfahrungen mit der Kaninchenrasse gesammelt hat, die nun in den Export geht – und die die Nordkoreaner wohl weniger wegen ihrer guten Streicheleigenschaften interessiert: die „Deutschen Riesen grau“. Die weltweit größte Kaninchenrasse, bei der ein ausgewachsenes Exemplar bei einem Lebendgewicht von bis zu zehn Kilogramm etwa sieben Kilo Fleisch liefert.

Der Attaché der nordkoreanischen Botschaft in Berlin, Il Kang, spricht das Interesse des Regimes so deutlich aus, wie es einem Diplomaten eben möglich ist: „Kaninchen sind in unserer Küche sehr berühmt.“ Und die Tiere aus Brandenburg seien besonders groß und eine edle Rasse.

Vermittelt hat das Geschäft der Vorsitzende der Brandenburger Landesverbandes der Kaninchenzüchter – auf Anfrage der Botschaft. „Nordkorea braucht zehn graue Riesen“, hieß es in dem Telefonat im Oktober, erinnert sich Szmolinsky. Wenige Tage später fuhr bei ihm in Eberswalde eine gepanzerte Mercedes-Limousine vor. Ein Ministerialrat Hong wurde Szmolinsky vorgestellt, und voll Züchterstolz präsentierte dieser seine Prachtexemplare. „Herr Hong war besonders von der Größe der Tiere beeindruckt. Ich sollte die Kaninchen wiegen.“ Danach habe ihm der Dolmetscher versichert, Ministerialrat Hong sei „Feuer und Flamme“, und das Geschäft war perfekt. Einen Monat später traten acht Häsinnen und vier Rammler in Plastiktransportkisten die Reise an. So viele Tiere auf einmal hatte Karl Szmolinsky noch nie verkauft, der jährlich an die 80 graue Riesen züchtet. Großen Gewinn habe er mit dem Geschäft allerdings nicht gemacht. 80 Euro pro Tier haben die Koreaner gezahlt, davon bleibe nach Abzug seiner Kosten nicht viel. Er fühle sich vor allem als Züchter geehrt.

Aber die Geschichte erzählt auch etwas über die Funktionsweise der Demokratischen Volksrepublik Korea: Es ist bereits gut ein Jahr her, als Szmolinsky seine Zuchterfolge wieder einmal auf der Brandenburger Landesrammlerschau präsentierte. Die mediale Berichterstattung darüber wurde in der Botschaft offenbar registriert – mehr aber auch nicht.

Ein halbes Jahr später jedoch, Mitte September, unterrichtete die staatliche Nachrichtenagentur KNCA das nordkoreanische Volk darüber, dass Kaninchen „die ökonomisch vorteilhaftesten Haustiere“ seien. Und dass deshalb überall im Lande Kaninchenställe aufgestellt werden sollten, um nach schnellen Zuchterfolgen schließlich „viel Fleisch mit weniger Futter“ produzieren zu können. Und Ministerialrat Hong erwies sich als guter Genosse.

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