Boxen : Keine dankbare Ernte

Bauern haben kaum Lust zum Feiern. Die lange Dürrezeit hat ihnen Verluste bis 350 Millionen Euro beschert

Claus-Dieter Steyer

Potsdam. Ein Blick auf die Erntekronen zum Erntedankfest sagt alles: sie fallen in diesem Jahr meistens recht dürftig aus. Die lange Dürrezeit zwischen April und September hat die Erträge stark schrumpfen lassen. Statt einer Krone schmückt die Kirchen und Dorfplätze zum Ernteabschluss oft ein Obst- und Gemüsekorb oder eine einfache Schale mit Äpfeln, Birnen und Maiskolben. Dabei hält sich auch auf den Obstplantagen die Freude in Grenzen. Längst werden nicht so viele Äpfel und Birnen geerntet wie 2002.

In den Predigten und vor allem in den Gesprächen danach wird die Existenzangst auf den Dörfern deshalb ein beherrschendes Thema sein. Um rund 40 Prozent lagen die Erträge auf den Getreidefeldern unter dem Durchschnitt der vergangenen Jahre. In einigen Landesteilen betrugen die Einbußen sogar 80 bis 90 Prozent. Betroffen waren vor allem die südöstlich Berlins gelegenen Gebiete bis in die Lausitz hinein sowie der Westen an der Grenze zu Sachsen-Anhalt.

Auf rund 300 bis 350 Millionen Euro schätzt das Brandenburger Agrarministerium die eingetretenen Verluste. Nur in Teilen von Sachsen-Anhalt beklagten Landwirte ähnliche Rückgänge, während Schleswig-Holstein eine Rekordernte einfuhr.

Selbst die Gurkenproduzenten im Spreewald waren nicht zufrieden. Das warme Wetter ließ das Gemüse so stark wachsen, dass es nicht mehr in die Gläser passte.

Die zugesagten staatlichen Hilfen erscheinen den märkischen Bauern unzureichend. 15 Millionen Euro stellt Brandenburg zur Verfügung, das Bundesverbraucherministerium legt noch einmal 10 Millionen Euro dazu. Mehr geben die Haushalte nicht her, heißt es in den Behörden. Ursprünglich hatte Brandenburg auf 15 Millionen Euro aus der Bundeskasse gehofft. Doch das Verbraucherministerium verweist darauf, dass Katastrophenhilfe grundsätzlich Sache der jeweiligen Bundesländer sei.

Nur angesichts der dramatischen Lage in Brandenburg habe sich das Ministerium freiwillig für eine Hilfe entschlossen. „Jeder weiß, dass wir mit der Dürrehilfe nicht die dreistelligen Millionenverluste der diesjährigen Ernte ausgleichen können“, sagte Brandenburgs Agrarminister Wolfgang Birthler (SPD). „Aber wir wollen mit dem Geld vorrangig Existenzen sichern.“ So sollen Bauern jetzt Saatgut, Düngemittel und Futter kaufen können, um im nächsten Jahr wenigstens einen Teil der Verluste wieder wettmachen zu können. „Wir verteilen das Geld keineswegs nach dem Gießkannenprinzip, sondern konzentrieren uns gemeinsam mit dem Landesbauernverband auf die besonders bedürftigen Betriebe“, ergänzte Ministeriumssprecher Jens-UweSchade.

Bereits nach der Ernte 2001 hatten viele Bauern über zu wenig Regen geklagt. Das Potsdamer Institut für Klimafolgeforschung geht von einem Anstieg der durchschnittlichen Jahrestemperatur bis fast sechs Grad zur nächsten Jahrhundertwende aus. Gleichzeitig würden die jährlichen Niederschlagsmengen um 40 bis 50 Millimeter zurückgehen. Dabei zählt Brandenburg schon jetzt zu den trockensten Regionen Deutschlands. Jährlich sinkt der Grundwasserspiegel. Viele Landwirte überlegen, ob sich ein Wirtschaften in der „Steppenregion“überhaupt noch lohnt. Das Erntedankfest fällt also nicht sehr fröhlich aus. Der Natur aber ist die Trockenheit bekommen (siehe Wetterseite).

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