Boxen : Kirchenneubau in der Schlafstadt

WERNER VAN BEBBER

Wie ein junger Pfarrer im einzigen neuen Gotteshaus Brandenburgs eine Gemeinde aufbautVON WERNER VAN BEBBER POTSDAM.Das Entscheidende an der Kirche im Kirchsteigfeld ist der Turm.Ohne den Turm stünde der Neubau als schlichtes Mehrzweckgebäude da.Mitten unter den pastellfarbenen Wohnhäusern, in der Nähe des Supermarktes, der Apotheke sowie der beiden Kneipen, genau dort, wo das Wohngebiet nicht nur Schlafstadt ist, sondern wie eine Kleinstadt wirkt und funktioniert, voller Leute, die einkaufen und Besorgungen machen.Der Turm aber macht das Haus unübersehbar und unüberhörbar zur Kirche.Die Glocken läuten zur Mittagsstunde und rufen sonntags zum Gottesdienst, und den Bewohnern des Kirchsteigfeldes ist durchaus bewußt, daß zu ihrer neuen Siedlung eine ebenso neue Kirche gehört. Es ist die einzige wirklich neue Kirche, die in Brandenburg seit dem Fall der Mauer gebaut wurde.Sie steht in einer synthetischen Gemeinde aus Menschen, die seit ein, zwei Jahren im Kirchsteigfeld leben.Sie steht in einem Land, dessen Regierung im Streit mit der Kirche über den Religionsunterricht liegt.Nominell gehören noch 500 000 Brandenburger der evangelischen Kirche an, Tendenz abnehmend, wie der Sprecher der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, Reinhard Stawinski, bestätigt.Da hat der Pfarrer der Gemeinde im Kirchsteigfeld, Frank Schürer-Behrmann, keine Schwierigkeit mit dem Wort "Diaspora".Der Pfarrer ist 32 Jahre alt und er hat die Diaspora gesucht.Die Situation sei so, daß es "eigentlich keine existierende Gemeinde gibt".Aber es gibt Interessierte.Der Pfarrer spricht von einem "Pool" von 70 bis 150 Leuten, die er immer mal wieder in der Kirche sieht.Zum sonntäglichen Gottesdienst kommen 30 bis 40, sagt Schürer-Behrmann: "Vor einem Jahr waren es 15 bis 20". Die Gottesdienste werden allerdings in der alten Drewitzer Dorfkirche gefeiert.Schürer-Behrmanns Gemeinde liegt verstreut über die Potsdamer Stadtteile Drewitz und Kirchsteigfeld.Die neue Kirche teilt man sich mit der Methodistengemeinde, die in dem schmucklosen Saal des Neubaus im Kirchsteigfeld ihre Gottesdienste feiert.Trotzdem haben die Leute die Kirche angenommen.Als das Haus am ersten Advent feierlich der Öffentlichkeit übergeben wurde, sind so viele aus dem Neubaugebiet gekommen, daß die meisten keinen Platz fanden.Nur wenige kamen danach regelmäßig zur Kirche."Ich bin Atheist", sagt eine 34jährige Frau.Ein 63jähriger Rentner "war noch nie in der Kirche".Eine Rentnerin deutet an, "durch die 40 Jahre" sei ihre Bindung an die Kirche schwach geworden. Schürer-Behrmann versteht seine Aufgabe so, daß er schwache Bindungen verstärkt.Er versucht, ein paar Höhepunkte im Kirchenleben so zu feiern, daß möglichst viele sich angesprochen fühlen.Zu Weihnachten kommen die Leute von allein, zum Erntedankfest lädt er ein, bei einer Adventsfeier ist es ihm schon passiert, daß viel mehr Leute kamen als er kalkuliert hatte.Für genauso wichtig hält er die Gruppen, die er mit fünf bis zehn Leuten organisiert: der Mutter-Kind-Kreis, die Frauenhilfe, der Gesprächskreis um 30.Das sind die, "die das hier nicht nur als Konsumenten wahrnehmen". Was gar nicht bitter gemeint ist.Die Kirche als Angebot - höhere Erwartungen formuliert Schürer-Behrmann gar nicht erst.Wer in der DDR gelebt habe, der sei eben nicht bereit, nach den einschlägigen Erfahrungen mit einer Weltanschauug so einfach zu einer anderen, der kirchlichen, überzuwechseln.Die Kirchsteigfelder, sagt er, leben ein modernes Leben.Sie sind viel unterwegs, sie nehmen wahr, was in Potsdam an Kultur geboten wird, sie kümmern sich um ihre Kinder - hier leben wenig Leute, denen es materiell wirklich schlecht geht.Vor allem die Männer seien "total arbeitsfixiert", sagt Schürer-Behrmann - auch so eine Zeiterscheinung. Ein 33jähriger Kirchsteigfelder erzählt, daß er morgens um halb sechs nach Berlin zur Arbeit fährt und abends um halb acht zurückkehrt.Er kennt keinen, der regelmäßig in die Kirche geht, doch das es das Gebäude als Zentrum der Gemeinde gibt, das ist für ihn ein "Ruhepunkt", wenn auch einer "psychologischer Art".Für eine 32jährige Mutter, auch sie geht nicht in die Kirche, ist das Gebäude das "Zentrum" des Ortes.Keiner will sich den Neubau wegdenken, nicht einmal ein 16jähriger, der gegenüber wohnt und von den Glocken genervt ist.Schürer-Behrmann nimmt dies so wahr, daß die Gemeinde für die Kirchsteigfelder so etwas wie "die spirituelle Mitte" darstellt.Daß es die Kirche gebe, erzeuge ein "Hintergrundgefühl" bei vielen - das Gefühl, daß das Kirchsteigfeld nicht "gottverlassen" sei.So wirkt die Kirche im Kirchsteigfeld, als sei sie ein bißchen außen vor - und ist tatsächlich mittendrin.

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