Boxen : Klappe zu – Vorhang auf

Es wurde gestritten, gespart, gestrichen, gefeuert. Aber jetzt hat Kultur in Potsdam wieder Perspektiven

Frederik Hanssen

Potsdam. Wenn die Berliner wissen wollen, wie die Zukunft ihrer Musik- und Theaterlandschaft aussieht, brauchen sie nur nach Potsdam zu schauen. Die brandenburgische Landeshauptstadt hat den Strukturwandel hinter sich, der für die Hauptstadt immer dringlicher angemahnt wird. Mit dem Mut der Verzweiflung hat man in Potsdam gehandelt, man hat Traditionen beendet und unter dem Druck der Sparkommissare Hunderte von Arbeitsplätzen vernichtet. Und doch steht Potsdam heute am Anfang einer neuen kulturellen Blüte.

Aber der Reihe nach. Dreh- und Angelpunkt ist und war das „Hans-Otto-Theater“, benannt nach dem 1933 von den Nazis ermordeten Schauspieler. Das Notquartier in der Zimmerstraße (eine ehemalige Tanzgaststätte), das die Theaterleute nach dem Krieg bezogen hatten, wurde in der DDR zum Dauerprovisorium – bis sich der „Rat des Bezirkes“ 1985 endlich durchrang, ein neues Haus am Alten Markt zu spendieren. Als der Rohbau fast fertig war, fiel die Mauer – und die neuen Stadtväter wollten den historischen Platz unbedingt für einen möglichen Wiederaufbau des Stadtschlosses frei halten. Kaum, dass der Betonkoloss wieder abgerissen war, schloss die Baupolizei den Standort Zimmerstraße. 1992 wurde die „Blechbüchse“ als Übergangs-Spielstätte errichtet – ausgerechnet am Alten Markt. Zehn Jahre später konnte nun endlich das Bauschild für ein neues Theater aufgestellt werden. Auf dem Gelände der Schiffbauergasse, nahe der Glienicker Brücke, wird bis 2006 für 23,4 Millionen Euro der Entwurf des Kölner Architekten Gottfried Böhm errichtet.

Einen Schönheitsfehler allerdings hat die künftige Bühne Potsdams: Mit 400 Plätzen fällt der Saal kleiner aus, als es für eine Landeshauptstadt angemessen wäre. Das liegt daran, dass vom einstigen Drei-Sparten- Theater kaum noch etwas übrig geblieben ist: Erst wurde das Ballett gekündigt, dann der Chor, schließlich das Solistenensemble der Oper und das hauseigene Orchester. Seitdem wird in Potsdam nur noch Sprechtheater inszeniert. Für zwei Musiktheater-Produktionen mit Gästen im Schlosstheater im Neuen Paials reicht der Etat, größere Opern gibt es nur als Gastspiele im Rahmen des „Theaterverbundes“, einer vom Kulturministerium erzwungenen Ehe des Potsdamer Theaters mit den Institutionen in Brandenburg/Havel und Frankfurt (Oder). Wenn das Geld nicht für die volle Personalausstattung in drei Städten reicht, so das Argument der Landesregierung, muss man sich eben gegenseitig aushelfen. Das Konzept hat sich inzwischen halbwegs eingespielt. Das sagt auch Astrid Weidauer, die Pressespecherin des Potsdamer Nikolaisaals. In dem akustisch attraktiven, poppig-modernen Saal in der historischen Altstadt gastiert regelmäßig das Staatsorchester aus Frankfurt, weil Potsdam die eigene „Brandenburgische Philharmonie“ abgewickelt hat, um sich den Umbau des Nikolaisaals zur Konzertstätte leisten zu können.

Kaum aber waren die Musiker des Sinfonieorchesters arbeitslos, setzten lokalpatriotische Politiker die Neugründung eines Kammerorchesters ohne feste Anstellung durch. Seitdem wetteifern das groß besetzte Staatsorchester und die kleine, aber feine „Kammerakademie Potsdam“ um das Publikum. Außerdem bietet der Nikolaisaal Konzerte der Sinfoniker aus Brandenburg, des Deutsche Filmorchester Babelsberg und internationale Gastspiele. Nicht ohne Erfolg, wie die Zahlen belegen: Zu drei Vierteln ist der 722-Plätze-Saal im Schnitt besetzt. Der Anteil von rund 30 Prozent Berlinern ließe sich sicher erhöhen. Musikfreunde aus dem Berliner Südwesten sind nämlich schneller in Potsdam als in den Sälen der Hauptstadt.

Informationen zum Hans-Otto-Theater unter der Tel.-Nr. 0331/66 14 275, zum Nikolaisaal unter 0331/28 888 28

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