Boxen : König Xerxes auf dem weiten Feld

Martin Wuttke inszeniert auf dem Flughafen Neuhardenberg „Die Perser“ von Aischylos – mit Videokameras und Leinwänden

Volker Eckert

Neuhardenberg. Die MIG-Jets der DDR-Regierung sind verschwunden, die toten Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg liegen noch immer unter der Startbahn. Der ehemalige Flughafen Neuhardenberg ist für Martin Wuttke ein fast mythischer Ort des Untergangs. Deswegen hat er ihn als Aufführungsort für seine Inszenierung von Aischylos’ Kriegsstück „Die Perser“ gewählt, das in der Bearbeitung von Durs Grünbein heute Abend Premiere feiert.

Ein 2,5 Hektar großer Hangar. Hier sitzen die Zuschauer – dort, wo einst die Flugzeugstaffel für den Fall bereit stand, dass die Staatsführung schnell das Land verlassen musste. Ein Fluchtort. Gut 40 Jahre ist die Halle alt, sie wird von riesigen Stahlträgern gestützt, von denen sich der blaue Lack löst. In den umliegenden ehemaligen Werkstätten hat das Theaterteam Umkleidekabinen, Produktionsbüros eingerichtet. Manchmal fällt ein Stück Deckenputz auf der Tastatur eines Laptops.

Auf den Zuschauertribünen sind Bildschirme angebracht. Ein Trüpplein Menschen ist dort zu sehen, sie irren über eine leere Wiese. Eine Aufzeichnung, ein Vorspann? Nein, nach einer Weile tauchen dieselben Menschen fern am Horizont auf. Der Zuschauer blickt aus dem Hangar nach draußen, als Bühne dienen das riesige Rollfeld, die Wiese und der angrenzende Wald, über die sich die abendliche Dämmerung senkt. Zwei Kameraleute verfolgen stets das Ensemble, die fernen Geschehnisse erscheinen auf den Monitoren und einer Leinwand. Die „Perser“ sind die älteste griechische Tragödie, die wir kennen. Die Kriege von heute sehen wir auf dem Fernsehschirm.

Es ist die Staatsführung der Perser um König Xerxes – gespielt von Alexander Scheer – die dort durch die Ödnis läuft. Der König hat keinen Fluchtort mehr. Hat seine Kriegsschiffe losgeschickt, die Griechen zu besiegen und zu unterjochen. Doch die Flotte wurde versenkt. Königsmutter Atossa – Sophie Rois – ahnt als erste, dass damit auch die Herrschaft ihrer Familie vor dem Ende stehen könnte. Der Hof verliert den Halt. Xerxes rast im Sportwagen wie von Sinnen mit quietschenden Reifen über das Rollfeld und spielt den Untergang seiner mächtigen Kriegsflotte in einem Tümpel nach.

Wuttke nutzt die Möglichkeiten, die ihm die riesige Bühne bietet. Seine Figuren führen im angrenzenden Wald eine dämonische Party auf: Menschen in Tiermasken, archaisch, bestialisch. Aus Selbstüberschätzung hat Xerxes Tausende in den Tod geschickt. Er sucht die Toten unter der Erde – dort, wo die Gefallenen der letzten realen Schlacht hier liegen.

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