Boxen : Krankenschwestern auf Hausbesuch

Wegen des Medizinermangels soll eine DDR-Tradition aufleben: Fahrende Arzthelferinnen auf dem Land

Claus-Dieter Steyer

Lübbenau - Brandenburg lässt die „Schwester Agnes“ aus der gleichnamigen Erfolgsserie des DDR-Fernsehens in der täglichen Praxis wieder aufleben. Zwar soll die Krankenschwester nicht mehr wie im Film mit Schürze, Haube, Rote-Kreuz-Abzeichen und einer großen Tasche auf einem Schwalbe-Moped über die Dörfer fahren. Aber fast 16 Jahre nach der Wiedervereinigung greift das Gesundheitsministerium auf eine gute ostdeutsche Erfahrung zurück. Künftig sollen so genannte Gemeindeschwestern im Auftrag von Ärzten Hausbesuche vornehmen und Routinearbeiten erledigen. Brandenburg will damit dem in ländlichen Regionen drohenden Ärztemangel begegnen. Ein entsprechendes Modellprojekt startete gestern in Lübbenau. Der Europäische Sozialfonds stellt dafür 300 000 Euro zur Verfügung, weitere 30 000 Euro kommen von der Universität Greifswald, die das Modell wissenschaftlich begleitet.

In einem blauen VW Polo mit der Aufschrift „Gemeindeschwester“ machten sich gestern die ersten drei Arzthelferinnen auf den Weg zu Patienten in der Spreewaldstadt. Allerdings ist die Berufsbezeichnung nicht ganz exakt. Denn im Unterschied zur DDR werden die Schwestern heute nicht bei den Kommunen, sondern bei den jeweiligen Hausärzten angestellt. „Wir setzen im Osten ganz bewusst auf die Popularität der ,Schwester Agnes‘, die es in ihrer freundlichen Art nicht nur auf dem Bildschirm gab“, sagt Projektleiter Wolfgang Hoffmann von der Uni Greifswald. „Damit wollen wir die Akzeptanz des neuen Modells bei den Menschen erhöhen und Vertrauen schaffen.“ Noch gut in Erinnerung sei die Hilfe der Fernsehschwester in allen möglichen Lebenslagen, mitunter weitab vom medizinischen Alltag.

Nach wie vor hat auch bei dem neuen Modell jeder Kassen- oder Privatpatient den Anspruch auf Betreuung durch den Hausarzt. Nur nach einer schriftlichen Erlaubnis darf die Gemeindeschwester den Blutdruck messen, die Medikamente kontrollieren oder Spritzen verabreichen. Per Computer übermitteln die Schwestern dann die Daten an den Arzt. Da im Schnitt 15 Prozent der gesamten täglichen Arbeitszeit eines Hausarztes auf Fahrten zu den Patienten entfallen, liegt die Ersparnis auf der Hand. Im Modellversuch teilen sich sieben Lübbenauer Hausärzte drei Gemeindeschwestern.

„Vielleicht können wir damit die drohende Unterversorgung mit Ärzten verhindern“, sagt Brandenburgs Gesundheitsministerin Dagmar Ziegler (SPD). In Lübbenau brauche bereits die Hälfte aller Menschen über 60 Jahre eine ständige medizinische Betreuung. Aber auch ein gutes Drittel der Hausärzte sei bereits älter als 60 Jahre. „Sie finden keine Nachfolger für ihre Praxen, so dass die Menschen immer längere Wartezeiten in Kauf nehmen müssten“, beschreibt Ziegler die Situation. Wenn die Hausärzte nun durch Gemeindeschwestern entlastet würden, könnten sie einen größeren Patientenkreis betreuen.

Allerdings ist „Schwester Agnes“ im bundesdeutschen Gesundheitssystem nicht vorgesehen. Deshalb können ihre Leistungen nicht den Krankenkassen in Rechnung gestellt werden. Es existiert eben noch keine exakte Beschreibung der Arbeiten. Das soll sich nach dem Modellversuch ändern. „Wir wollen die Krankenkassen davon überzeugen, dass Gemeindeschwestern kein zusätzliches Geld kosten, sondern sogar Mittel sparen“, meinte Projektleiter Hoffmann. Gerade wenn in ländlichen Gebieten Ostdeutschlands eine Hausarztpraxis geschlossen werde, könnte man deren Budget für die Bezahlung von zusätzlichen Krankenschwestern verwenden. Eine Konkurrenz zu den ambulanten Pflegediensten sehen die Experten nicht, denn diese seien ja nur für pflegebedürftige Patienten zuständig. Ob aber die modernen Töchter der „Schwester Agnes“ wie in der Filmreihe auch bei Liebeskummer helfen oder mal eine Küche aufräumen können, erscheint fraglich. Im Modellversuch ist das jedenfalls nicht vorgesehen.

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