Boxen : Kritische Lesungen: "Danke an die Polizei"

Sabine Schicketanz

Es ist der Jahrestag des "Tages von Potsdam", der 30. Januar 2001. Der Tag, an dem Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt worden war. Und der Tag, an dem der türkisch-deutsche Schauspieler Serdar Somuncu zum tausendsten Mal aus Hitlers Buch "Mein Kampf" lesen will.

Die Menschen, die sich am nebligen Abend dieses Tages in die Schlange vor dem Hans-Otto-Theater auf dem Potsdamer Alten Markt einreihen, wissen nichts von dem Brief, den das Faxgerät der Ausländerbeauftragten Brandenburgs, Almuth Berger, am Nachmittag ausgespuckt hat. "Am 30. Januar 2001, wird im Theaterhaus am Alten Markt das Blut derer fließen, welche meinen, sich mit der Teilnahme an der Veranstaltung gegen den größten deutschen Kanzler schmücken zu können", steht darin. Und weiter: "Wir denken, daß die Schande eines solchen Kulturbetriebes nicht weiter Potsdamer Eindrücke prägen muss. In einer Zeit als Deutschland eine fähige Führung hatte, gab es solche Häuser nicht." Unterzeichnet ist der Brief mit "Die nationale Bewegung". Dass Polizisten das Gebäude umstellt haben, jeder Gast am Eingang mit Metalldetektoren überprüft wird, die Lesung deshalb dreißig Minuten später beginnt, scheint das Publikum nicht zu irritieren.

"Klar gab es Zweifel, aber wir wollen uns nicht erpressen lassen." Katrin Werlichs Stimme klingt ruhig, fünf Minuten vor Beginn der Lesung, doch die Nervosität hat sich in ihr Gesicht geschlichen. Die Chefin der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg, Veranstalter der Lesung, hatte fast sofort entschieden, sich der Drohung nicht zu beugen - in Absprache mit der Polizei.

Niemand aus dem Publikum geht. "Ich lasse mir das Theaterspielen ungern verbieten", sagt Somuncu, als er mit einer kugelsicheren Weste über dem karierten Hemd die Bühne betritt. Der mit 652 Menschen bis auf den letzten Platz gefüllte Saal applaudiert. "Ich weiß nicht, was Sie glauben, aber es gibt Leute", sagt Somuncu, "die glauben, alles erreichen zu können. Ich glaube das nicht." Das Publikum glaubt es auch nicht.

Erst als Somuncu mit seinem gewohnten Programm beginnen kann, hört er auf, nach rechts und links zu blicken. Wie aufgezogen legt er los, hält verschiedene Ausgaben von "Mein Kampf" in die Höhe, brüllt den HitlerText ins Mikrophon. Je mehr Minuten vergehen, in denen nichts passiert, in denen niemanden auf den Mann auf der Bühne schießt, desto entspannter wird die Stimmung. Exakt 47 Minuten sind vergangen, als Somuncu die kugelsichere Weste auszieht. Es ist ein seltsamer symbolischer Akt, der da mit Applaus quittiert wird. Und die Lesung nimmt einen seltsamen Schluss. "Danke an die Polizei", sagt Somuncu. "Das war wohl nichts heute."

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