Boxen : Lächeln für die Maut

Lastwagen-Fahrer haben keine Lust auf Autobahngebühr und komplizierte Technik Deshalb hat Toll Collect 150 mobile Teams ausgeschickt, um die Automaten zu erklären

Stefan Jacobs

Michendorf. Die beiden Uniformierten stehen am Eingang zum Tankstellenladen und lächeln wie unerwünschte Werbung. Weiße Jacken, weiße Taschen, weiße Mützen, weiße Zähne. In den Händen halten sie stapelweise Faltblättchen. „Am 31. 08. 2003 startet die Lkw-Maut in Deutschland. Einfach und praktisch“, steht darauf. Mit den Zetteln und ihrem Charme sollen Eva Esenwein, 23, und Ercan Güney, 25, chronisch einsilbigen Lastwagenfahrern die Bedienung des Toll-Collect-Automaten beibringen. Kaum ein Fahrer befasst sich freiwillig damit – schon gar nicht während der Testphase. Die meisten setzen auf ihre Abbuchungsgeräte an Bord. Aber wer keines hat, braucht den Automaten. 150 mobile Teams hat Toll Collect an deutsche Raststätten geschickt. Esenwein und Güney stehen von 13 bis 21 Uhr am Rasthof Michendorf und behalten die Diesel-Zapfsäulen im Auge.

Ein Kühllaster fährt vor, der Fahrer eilt zum Verkaufsraum. Er will eine Zeitung, aber keine Beratung: „Lasst mal“, sagt er im Gehen. Auf der Nebenspur hält ein Sattelschlepper. „Schönen guten Tag“, sagt Güney. „Och nee“, knurrt der Fahrer und lässt ihn stehen. Trucker machen nicht viele Worte. Güney lächelt.

Eva Esenwein hat einen sächsischen Fahrer überredet. Der weiß zwar schon den Einbautermin für sein Abbuchungsgerät, „aber ich guck’ mal. Zehn Minuten. Okay?“

Das Terminal ähnelt einem Geldautomaten. „Wo wollen Sie hin?“, fragt Esenwein. „Holland“, sagt der Fahrer. „Venlo.“ Das Gerät fragt ab: Landeszeichen, Nummernschild, Schadstoffklasse, Achszahl, Startzeit, Abfahrtsort, Ziel. Letzteres ist schwierig, denn an der Grenze endet die Mautpflicht. „Suchen Sie mal ihre Route“, sagt Esenwein. Der Fahrer drückt unsicher auf dem Display herum, um das Autobahnnetz heranzuzoomen. Er kann gerade noch seine Ausfahrt markieren, dann kommt die Sonne raus und lässt die Anzeige erbleichen. Eva Esenwein findet den Ok-Button auch so. „Jetzt bloß nichts drücken“, sagt sie. Ungeduld im falschen Moment lässt den Automaten abstürzen, haben sie festgestellt.

Nach einer Gedenkminute kommt ein Beleg voll Kleingedrucktem aus dem Gerät. 16 Stunden Zeit für 542 Kilometer – macht künftig 64,80 Euro, zahlbar mit Karte oder Bargeld. „Und was ist, wenn ich die Strecke verlassen muss, wegen Stau oder so?“, fragt der Fahrer. „Dann müssen Sie sich neu einbuchen“, sagt Esenwein. Also: neuen Automaten suchen, alten Beleg einschieben, Restguthaben erstatten lassen, neuen Beleg holen. Oder im Büro des Arbeitgebers anrufen, damit der Disponent dort via Internet die Buchung ändert. Eine Liste der Maut-Automaten gibt’s bei Toll Collect. Nur leider keine aktuelle: Die vielen Tankstellen, die in den vergangenen Monaten umgebaut wurden (z.B. von BP-grün zu Aral-blau), tauchen online noch immer unter altem Namen auf.

Die zehn Minuten sind um, der Fahrer bedankt sich für die Einweisung. „So schwierig ist es ja eigentlich nicht“, sagt er unsicher, startet seinen Truck und fährt los. „Junge Fahrer haben kaum Probleme“, sagt Güney. „Die hatten als Kind einen Gameboy und kennen sich mit Computern aus. Den Älteren müssen wir es vorführen.“ Dann widmet er sich einem Älteren, der nach Hannover will und daran scheitert, dass der Automat auch nach zweimaliger Eingabe der Buchstabenfolge „H-a-h-n-o…“ nichts Passendes anbietet. Tapfer lächelnd startet Ercan Güney die Buchung neu. Eva Esenwein geht raus, um den nächsten Fahrer zu überreden. Oder eben den übernächsten.

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