Lärmschutz : Sonne soll Autobahnen leiser machen

Nach Bürgerprotesten schlägt Brandenburg eine neue Richtung beim Lärmschutz am Berliner Ring ein. Experten schlagen vor, Erträge aus Stromerzeugung in zusätzlichen Lärmschutz zu investieren.

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Potsdam - Es könnte ein in dieser Dimension einmaliges Modellprojekt werden: Auf der A 10 südwestlich von Berlin, die ab 2012 auf neun Kilometern zwischen den Autobahndreiecken Nuthetal und Potsdam von sechs auf acht Spuren ausgebaut wird, sollen mit Einnahmen aus Solaranlagen bessere Schallschutzwände finanziert werden. „Das ist eine wegweisende Idee“, sagte Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD). Das Projekt ist inzwischen Chefsache, die rot-rote Regierung strebt für Donnerstag einen Landtagsbeschluss an, und das Vorhaben wird von allen Fraktionen unterstützt. Vogelsänger sagte, das Bundesverkehrsministerium habe auf Initiative Brandenburgs bereits die Freigabe für die Entwicklung der neuartigen Schutzwände erteilt.

Die Idee dafür kommt von der Bürgerinitiative „Lärmschutz Jetzt“ in Michendorf, wo die A 10 mitten durch den Ort führt. Auch Langerwisch und Ferch sind vom Verkehrslärm betroffen. Hier gehört die Autobahn zu den meistbefahrenen Straßen in Deutschland. Einen ersten Erfolg hatte die Initiative im Frühjahr erreicht. Das Bundesverkehrsministerium sagte für die Fahrbahn Flüsterasphalt zu.

Allerdings wollte der Bund daraufhin nur noch vier bis sechs Meter hohe Lärmschutzwände bauen. Damit wollten sich Anwohner und Land aber nicht zufrieden geben. Die Lösung lautet: Solaranlagen. Der Plan sieht vor, auf sogar acht Meter hohe Wände noch einmal zwei Meter hohe, leicht geneigte Photovoltaik-Module zu montieren, die ebenfalls den Verkehrskrach abhalten. Tragbar und bezahlbar wird dieses Konzept auch von der bundeseigenen Deges gehalten, der Deutschen Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH. In einer Studie für die Deges kommen die Experten zum Schluss, dass das Vorhaben nicht nur wirtschaftlich sei, sondern dass der Bund sogar 20 Prozent bei den Baukosten spart. Denn ein Privatinvestor würde die Lärmschutzanlagen über Einnahmen für den klimafreundlich produzierten Strom teilweise mitfinanzieren. „In diesem Ausmaß ist diese Idee noch nirgendwo realisiert worden“, sagte Andree Halpap, Sprecher der Initiative „Lärmschutz jetzt“. Es gebe mehrere Testprojekt auf „kleinsten Streckenabschnitten“. Wenn der Plan in Michendorf aufgehe, wäre das ein deutliches Signal über die Grenzen Brandenburgs hinaus – „für einen besseren, selbst finanzieren Lärm- und Gesundheitsschutz in Ballungsräumen verbunden mit Klimaschutz, an Flächen, die sonst niemand braucht“.

Ähnlich äußerten sich Vertreter der Regierungsfraktionen SPD und Linke. Auf ihren Antrag soll Verkehrsminister Jörg Vogelsänger weitere Standorte ermitteln und auch Eisenbahnstrecken in die Prüfung einbeziehen. Ideen gab es bereits für den Berliner Ring im Norden.

Die Gutachter jedenfalls halten die Pläne für „weltweit einzigartig“, Brandenburg könnte eine „bundesweite Vorreiterrolle für einen höheren Lärmschutz“ an Bundesfernstraßen, „der größtenteils privat finanziert ist, übernehmen“. Zahlreiche Rechtsfragen müssen aber noch geklärt werden, sicher ist noch nichts. Die Deges schaut schon weiter – das Projekt könnte Anstoß sein für die wegen des Sparzwangs im Bund gestoppte Lärmsanierung zahlreicher Bundesfernstraßen.

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