Lausitz : Paradies statt Kohlegrube

Die Wüste lebt: Das alte Bergbaurevier der Lausitz ist wieder im Aufwind. Die nach zehn Jahren endende Internationale Bau-Ausstellung wird mit einem Kunstprojekt gekrönt.

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Das Wasser steigt. Insgesamt 30 neue Seen, viele mit Kanälen verbunden, entstehen derzeit im alten Bergbaurevier der Lausitz. Jenseits der Kohle liegt künftig der Strand. Foto: Urban/ddp
Das Wasser steigt. Insgesamt 30 neue Seen, viele mit Kanälen verbunden, entstehen derzeit im alten Bergbaurevier der Lausitz....Foto: ddp

Grossräschen - Ein Paradies hatte der Schweizer Künstler Jürg Montalta bei seinen zweijährigen Erkundungen in der Lausitzer Tagebaulandschaft nicht erwartet. Umso überraschter war der 55-jährige Theaterregisseur, als er bei der Durchsicht seiner mehr als 300 Interviews immer wieder auf dieses Wort stieß. „Erstaunlich viele Einwohner beschrieben mir die Zeit vor der Wende als Paradies“, sagt er. „Sie waren damals stolz und hatten alle Arbeit.“ Die Kinder mussten keinen Job weit weg suchen, und der Bergmannsverdienst lag sehr hoch. „Heute traf ich dagegen auf viel Wehmut, Depressionen und Verstopfung im Kopf.“ Mit Kunst wolle er daher versuchen, die Würde der Einwohner wieder aus dem Keller zu holen und Ortsfremden die Lausitz zu erklären. Für sieben Orte zwischen Tagebaugruben, neuen Seen und Bergarbeitersiedlungen entwarf er szenische Wanderungen, Dorftheaterstücke, Licht- und Klangskulpturen mit insgesamt rund 1000 Akteuren. Für den Titel des vom kommenden Wochenende bis Ende Oktober stattfindenden Kunstprojektes musste Montalta nicht lange überlegen: „Paradies 2“.

Denn die Heimat der einstigen Bergmannsfamilien hat sich durch die Flutung der riesigen Kohlelöcher völlig verändert. 30 Seen, meist mit schiffbaren Kanälen verbunden, haben der Lausitz ein neues Gesicht gegeben. „Den Menschen stehen Wege in neue Paradiese offen“, sagt der charismatische Schweizer, der schon vor fünf Jahren mit ehemaligen Bewohnern eines weggebaggerten Dorfes erfolgreich das Theaterstück „Alles verloren – alles gewonnen“ inszeniert hatte.

Mit dem rund 600 000 Euro teuren Open-Air-Theater feiert die Internationale Bauausstellung (IBA) „Fürst-Pückler-Land“ gleichzeitig ihren Abschluss nach zehn Jahren. „Wir wollten den nachfolgenden Generationen zeigen, dass das Lausitzer Seenland nicht etwa während der letzten Eiszeit entstand“, sagt Geschäftsführer Rolf Kuhn. „Es ist ein Werk der Menschen, woran unter anderem die begehbare Förderbrücke F 60 und die Biotürme der Kokerei Lauchhammer erinnern.“ Die IBA habe auch viele Anregungen gegeben, etwa für schwimmende Häuser, ein Lagunendorf oder die Entwicklung von Großräschen zur Seestadt. Nicht alle Träume sind auf Europas größter Landschaftsbaustelle in Erfüllung gegangen, oft scheiterten sie dann an Geld. Nach dem Ende der IBA übernehmen örtliche Fördervereine die meisten der 30 Projekte. Touristen können weiterhin den spannenden Kulissenwechsel auf geführten Touren verfolgen.

Als beispielhaft für den – mit Augenzwinkern beschworenen – Wechsel vom „Paradies 1“ zum „Paradies 2“ präsentiert sich die Stadt Großräschen. „Wir hatten bis Mitte der neunziger Jahre ein Schmuddelimage mit Dreck und Lärm aus dem Tagebau und den Industriebetrieben“, erzählt Bürgermeister Thomas Zenker. „Noch bis 1992 verschwand ein Ortsteil mit 4500 Einwohnern im Tagebau Meuro.“ Danach sei alles verloren gegangen: Sämtliche Industriebetriebe machten dicht, darunter auch das Ziegelwerk, das die Klinker für das Berliner Rote Rathaus produziert hatte. „Als wir dann im Rathaus vor 13 Jahren die Idee von einer Seestadt diskutierten, erklärten uns viele Einwohner schier für verrückt. Heute haben wir eine Seestraße, ein Seehotel, eine Seebrücke, Seegrundstücke, Pläne für einen Hafen – nur noch keinen See.“ Der wächst bis 2015 aus dem Tagebauloch und eröffnet völlig neue Perspektiven.

So hat nur die Aussicht auf einen Wasserblick einen Arzt veranlasst, seine Zelte in England nach 14 Jahren abzubrechen und in die Lausitz zu ziehen. Die benachbarten Grundstücke haben sich Ehepaare aus Berlin, den USA und Dubai gesichert. Die neuen Bewohner bringen Geld, oft auch Unternehmen in die Stadt. „Die Stimmung hat sich völlig gedreht“, sagt Bürgermeister Zenker. „Bald fahren Dampfer, wo einst nur Bagger Staub aufwirbelten.“

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