Boxen : Lenin: Wladimir Iljitsch thront auf wackligen Sockeln

Claus-Dieter Steyer

Die Bagger kommen dem großen Wladimir Iljitsch bedrohlich nahe. Doch vorsichtshalber schützt ein Bretterverschlag das Lenin-Denkmal auf dem Gelände einer früheren russischen Garnison in Eberswalde. "Er bleibt vorerst dort, wo er ist", sagt Matthias Zimmermann, Projektleiter der Brandenburgischen Boden-Gesellschaft, der das Gebiet an der Tramper Chaussee gehört. Seit 1975 steht die Statue vor dem früheren Ruhmesmuseum. Nur in weiteren drei Brandenburger Orten erinnern Denkmäler an Lenin, den Russen einer Umfrage vom Weihnachtsfest zufolge als "wichtigste Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts" betrachten. Neben Eberswalde findet sich Lenin, dessen Todestag sich am 21. Januar zum 67. Mal jährt, noch in Potsdam, Fürstenberg und gleich zweimal in Wünsdorf.

Eine Eintragung in den jeweiligen Denkmallisten schützt die Statuen aus Bronze oder Beton vor Zerstörung. Allerdings hatte angesichts der Abrissarbeiten gerade auf dem Eberswalder Kasernengelände so mancher Einwohner seine Bedenken. Projektleiter Zimmermann beruhigt: "Wir bereiten das Gelände für den Wohnungsbau vor. Entweder wir verkaufen es an einen Projektentwickler oder wir vermarkten die einzelnen Parzellen in eigener Regie." Das Schicksal des Lenin-Denkmals gehöre zu den Verkaufsverhandlungen. Möglicherweise müsse es von seinem jetzigen Standort verrückt werden. "Vielleicht findet sich aber auch ein anderer Platz in Eberswalde", meint Zimmermann. Eine attraktive Variante, Denkmäler zu entsorgen ist in Budapest zu besichtigen: Der Statuen-Park, ein museales Gehege für unerwünschte Standbilder. "Mit propagandistischen Statuen habe ich einen Anti-Propaganda-Park entworfen", so umschreibt Architekt Akos Eleöd sein Projekt in Budafok. Rund um das Gelände stehen Transformatoren - der vor gut fünf Jahren eröffnete Park befindet sich auf einer Sondermülldeponie der ungarischen Transformationsgesellschaft. Aus der sozialistischen Losung "Kommunismus gleich Sowjetmacht plus Elektrifizierung" werden in diesem "Lenin-Garten" neue Funken geschlagen.

Vergleichbare Überlegungen gibt es in den anderen "Lenin-Orten" kaum. Das Standbild in Potsdam vor dem früheren Haus der Offiziere steht seit 1977 in der Denkmalliste der Stadt, bestätigt das zuständige Amt. "Gedenkstätte zum 100. Geburtstag Lenins" lautet die entsprechende Eintragung in einem der vielen Ordner zu Denkmalen in Potsdam. Das bewahrt den bronzenen "Klassiker des Marxismus-Leninismus, Führer, Theoretiker und Lehrer der Werktätigen der ganzen Welt, Begründers der KPdSU, der III. Internationale und des Sowjetstaates" (Meyers Handlexikon, Leipzig 1977) jedoch nicht vor Vandalismus und Schmierereien. Am Sockel fehlen inzwischen einige Buchstaben. Dafür sind Kopf und Mantel seit einiger Zeit wieder frei von Taubendreck und anderen Ablagerungen, wenn auch die Reinigungsarbeiten wohl nicht ganz fachgerecht erfolgten.

Fast jede sowjetische Einheit hatte in ihren Kasernen ein Denkmal des Proletarierführers. Einige Truppen nahmen die Standbilder beim 1994 abgeschlossenen Abzug in die Heimat mit, andere landeten auf Trümmerbergen. Im nordbrandenburgischen Fürstenberg thront Lenin noch vor dem einstigen Sitz des Generalstabs der 2. Panzer-Gardedivision in der Siedlung am Röblinsee. Einst waren in der Kleinstadt 25 000 Soldaten mit dem roten Stern an der Mütze stationiert.

Die größte aller Lenin-Statuen steht im einstigen Oberkommando der sowjetischen Streitkräfte im südlich Berlins gelegenen Wünsdorf. Vor der früheren Heeressportschule, das ab 1953 zum "Haus der Offiziere" wurde, bestimmt das Denkmal den großen Exerzierplatz. Zu dessen Füßen wurden bis 1994 Paraden abgehalten und Feste gefeiert. Fast nicht mehr zu erkennen ist Lenin dagegen auf einem im benachbarten Wohngebiet befindlichen Sockel. Die Zeit hat dem Beton stark zugesetzt. Aber dennoch schaut er wie in Potsdam, Eberswalde und Fürstenberg auch hier mit einem großväterlichen Lächeln herunter.

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