Boxen : Lieber gar keinen Job

Genschmar hat mit 59 Prozent die höchste Arbeitslosenquote Deutschlands. Trotzdem wollte keiner eine Stelle bei einem Spediteur

Olaf S,ermeyer

Genschmar - Einige Minuten nördlich vom Ortskern schlängelt sich der Oder-Neiße-Radweg dahin. Ein Schild warnt vor „Otterwechsel“. Wenige Menschen leben hier zwischen Kohl- und Gurkenfeldern am Westufer der Oder. Genau 612 Einwohner hat Genschmar – und eine Arbeitslosenquote von 59 Prozent, die höchste in Deutschland.

„Als ich das gehört habe, habe ich den Leuten dort gleich mein Angebot gemacht“, sagt Heinz Obermann. Er ist Spediteur in Mülheim/Ruhr, schickt 70 Lastwagen durch ganz Europa und ist ständig auf der Suche nach neuen Fahrern für sein Unternehmen, das jährlich wächst. „Da braucht man zuverlässige Leute.“ Und die hatte er in Genschmar vermutet, „weil viele da Klasse II haben“: einen Lkw-Führerschein, den die „Traktoristen“ vor der Wende in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) am Ort gemacht haben.

Die LPG wurde privatisiert und arbeitet nun mit weniger Menschen, von denen die meisten aus Polen sind: 3,58 Euro brutto Stundenlohn kriegt man hier fürs Gurkenpflücken. „Bevor die Leute dafür arbeiten, bleiben sie lieber zu Hause“, sagt der Rentner und ehrenamtliche Bürgermeister Heinz Wilke beim Skat. Der größte Arbeitgeber im Ort ist gegenwärtig die Mila – Milch und Land GmbH. Sie beschäftigt 20 Angestellte und ist nach der Insolvenz in den Händen einer Auffanggesellschaft.

Da müsste das Angebot des Spediteurs Obermann doch mehr als recht kommen. Vier Fahrer wollte er fest anstellen, Bruttomonatslohn 2000 Euro, plus Spesen. „Westgehalt“, betont Obermann. Doch „nicht eine Bewerbung“ hat er bekommen. Der Spediteur versteht „die Welt nicht mehr“.

Wilke hat das Stellenangebot auf der Internetseite seiner Verwaltung veröffentlicht. „Aber hier hat doch noch nie einer so einen großen Lastwagen gefahren.“ Wilke vermutet, „dass unsere Leute auch alle schon zu alt sind“.

Die meisten hier im „Guten Schluck“, der einzigen Kneipe im Ort, sind über 50. Zum Jobangebot aus Mülheim sagt ein bärtiger Biertrinker: „Was soll ich denn da, wo ich keinen kenne.“ Und sein Bürgermeister ergänzt: „Sie müssen auch sehen, dass viele hier ein bisschen Geld mit nebenerwerblicher Landwirtschaft verdienen, das geht als Fernfahrer nicht.“

„Nein, viel länger als eine Woche pro Monat könnten die nicht zu Hause sein“, sagt Heinz Obermann sechs Autobahnstunden weiter südwestlich. „Wär schon besser, wenn sie sich dann hier eine Wohnung suchen.“ Er nimmt auch Fahrer über 50, die würden schon angelernt. Wenn Heinz Obermann über die ganze Sache „nochmal so richtig“ nachdenkt, kommt er zu dem Schluss, „dass die in Genschmar wohl lieber auf dem Sofa sitzen“.

Wilke dagegen glaubt, dass der Tourismus neue Jobs bringt – „aber das dauert noch zehn Jahre.“ So lange will Friedhelm Daher indes nicht warten. Der 51-jährige ehemalige Landmaschinenschlosser hat ein Grundstück am Oderdeich gekauft, auf dem er ein Fahrradhotel bauen möchte. Der Oder-Neiße-Radweg wird schließlich bundesweit vermarktet. „Ich sitze nicht rum, und warte darauf, dass der Staat mir was schenkt.“ Er will damit auch einige Arbeitsplätze schaffen – „aber wegen des Behördenkrams dauert das noch zwei Jahre“.

Und Bürgermeister Wilke berichtet noch vom Anruf eines hessischen Kerzenfabrikanten. Der will mit ihm über eine Produktionsstätte sprechen. „Er sagt, dass er von hier aus Polen beliefern würde.“ Das Land, aus dem auch zwei Drittel der Erntehelfer im Oderbruch kommen, ist von Genschmar nur durch die Oder getrennt. „Da frage ich mich aber, warum geht der Kerzenfritze nicht gleich nach Kostrzyn?“ Dort gibt es ein neues Industriegebiet in einer Sonderwirtschaftszone. „Die Polen werden uns bald überholen“, glaubt Wilke. „Aber so eine Sonderwirtschaftszone wäre doch auch für uns eine gute Idee“, findet der Bürgermeister, und denkt dabei „an Fördermittel“ – nicht etwa an eine Gegend ohne Tariflöhne. „Wir wollen keine Bürger zweiter Wahl sein.“

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