Matthias Platzeck : Der Weg des Deichgrafen

Die Oderflut vor zehn Jahren hat Matthias Platzeck populär gemacht. Aber auch demütig.

Thorsten Metzner
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Gegen die Flut. Der damalige Umweltminister Matthias Platzeck steht am 1. August 1997 auf dem gefährdeten Oderdeich bei...Foto: dpa

Manchmal ruft er einfach an. Bei Matthias Freude, dem Präsidenten des Landesumweltamtes, klingelt dann plötzlich das Telefon. In der Leitung ist Matthias Platzeck, der Brandenburger Ministerpräsident. „Er erkundigt sich: Wie steht es um die Deiche?", erzählt Freude. Der Katastropheneinsatz vom Sommer 1997 an der Oder wirkt immer noch nach. Zehn Jahre ist es her, seit das Oderbruch, 55 Kilometer lang, 15 Kilometer breit, beinahe wie eine große Badewanne vollgelaufen wäre. Doch entgegen allen Befürchtungen hielten die aufgeweichten Dämme doch. Platzeck hat dieses Drama nie vergessen, sagt Freude. „Es bleibt für ihn ein Schlüsselerlebnis".

Die „Jahrhundertflut" und Matthias Platzeck, der Hochwassereinsatz und die politische Karriere dieses Mannes sind untrennbar verwoben. Wäre Platzeck ohne diese Chance, sich zu bewähren, vielleicht gar nicht geworden, was er ist? Hat die Oderflut womöglich seinen weiteren Aufstieg erst ermöglicht? Nur fünf Jahre später wurde Platzeck Ministerpräsident, Nachfolger des „Landesvaters" Manfred Stolpe, 2005 sogar SPD-Bundesvorsitzender, was er aus gesundheitlichen Gründen nur kurz blieb.

Fest steht, dass 1997 an der Oder der „Deichgraf" – so tauften ihn Medien – geboren wurde. Erst hier wurde Platzeck, bis dahin außerhalb des Landes unbekannt, und in Brandenburg als Umweltminister wegen seines „Naturparkfimmels“ und der Fehlförderung von überdimensionierten Abwasseranlagen eher umstritten, plötzlich bundesweit populär, ja, zu einem der seltenen Sympathieträger aus Ostdeutschland, denen man auch im Westen der Republik zuhörte. Auf den TV-Schirmen erschien einer, der überraschend authentisch und unverstellt die angespannte Lage an den Deichen erklärte, ruhig, verständlich, ohne Dramatisierungen. Glaubwürdig eben, wofür er, als alles vorbei war, die „Goldene Kamera" erhielt.

Es ist manchmal kolportiert worden, dass Platzeck damals „nur" Interviews gegeben habe. Wer direkt dabei war, berichtet anderes. Aber natürlich ranken sich um Katastrophen, zumal um abgewendete, immer Legenden. Zur Wahrheit der 97er Flut gehört, dass es eine Arbeitsteilung im Krisenmanagement gab. Und bei der straffen Organisation und unmittelbaren Führung der Einsatzkräfte hatten andere wie der Bundeswehrgeneral Peter von Kirchbach sicher größere Verdienste als Platzeck.

„Aber“, so erinnert sich Freude, „Platzeck tat, was er ohnehin am besten kann: Menschen mitreißen, Mut machen, überzeugen". Das war seine Leistung und nach Schilderungen von Augenzeugen alles andere als leicht. So etwa, wenn er Helfer an den aufgeweichten, kaum zu haltenden Deichen motivierte, wachsam zu bleiben und nicht aufzugeben. Oder wenn er von Menschen in Dörfern, die er evakuieren ließ, verflucht wurde. Er habe, so schilderte es Kirchbach, selten einen Menschen getroffen, der „so begabt" sei wie Platzeck, andere für seine Sache zu gewinnen. Das ist seine Stärke, die sich nach der Flut weiter ausprägte, die er beispielsweise 2004 auf den Marktplätzen für die unpopulären Arbeitsmarktreformen des Kanzlers Schröder einsetzte und mit der er die Landtagswahl gewann.

Manfred Stolpe, sein Förderer, hat dieses Potenzial erkannt, spätestens 1997. Er habe, so bekannte er Jahre danach, nach der Oderflut den Entschluss gefasst, Matthias Platzeck zu seinem Nachfolger zu machen. Platzeck hatte gut daran getan, damals nicht auf seinen Freund und damaligen Staatssekretär Rainer Speer zu hören. Der hatte ihm abgeraten, den Hochwassereinsatz – zuständig war eigentlich Innenminister Alwin Ziel (SPD) – an sich zu ziehen, weil das Risiko zu groß schien. Ein überflutetes Oderbruch, auch das gehört zur Wahrheit, hätte den für Hochwasserschutz zuständigen Umweltminister das Amt gekostet.

Wenn Platzeck heute bei Freude anruft und nach den Deichen fragt, erhält er durchaus zwiespältige Antworten. Gewiss, die 130 Kilometer Deiche an der Oder sind saniert. „Das Oderbruch ist seit zwei Jahren dicht". Aber Platzecks damalige Forderung, den Flüssen ihren Raum zurückzugeben, 7000 Hektar natürliche Überflutungsflächen auszuweisen, ist nicht eingelöst, wie der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) gerade vorrechnete: 115 Hektar sind es gerade einmal, zehn Jahre nach der großen Flut, 1400 Hektar werden vorbereitet.

Mit Sorge erzählt Matthias Freude vom Wettlauf mit den Polen „um die höhere Deichkante". „Und trotzdem,“ so sagt er zum Hochwasserschutz an der Oder: „Wir haben beide ein deutlich besseres Gefühl als damals." Die Gewissheit der Ungewissheit gehört für Matthias Platzeck dazu. Er weiß, dass es trotz aller Vorsorge wieder zu einer Flut-Katastrophe kommen kann, die nicht glimpflich enden muss. Der „Deichgraf" hat damals an der Oder verinnerlicht, was unter Politikern eher selten verbreitet ist: Demut.

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