Boxen : Matthias Platzeck für Streit über das Schloß

Was der Oberbürgermeisterkandidat in Potsdam ändern will / Bonn reizt ihn nicht / Ein InterviewMatthias Platzeck, Umweltminister Brandenburgs, ist Stolpes Mann für besondere Fälle.Er sammelte Punkte beim Kampf gegen das Oderhochwasser und soll Potsdam vor der PDS retten.Wenn aber SPD-Kanzlerkandidat Schröder ihn nach Bonn holen wollte? Darüber und über seine Visionen von Potsdam sprachen Michael Mara und Thorsten Metzner mit Platzeck.TAGESSPIEGEL: Heute kürt der SPD-Bundesvorstand den SPD-Kanzlerkandidaten.Ist der niedersächische Ministerpräsident Gerhard Schröder der Wunschkandidat des Umweltpolitikers Matthias Platzeck?PLATZECK: Ja, weil die SPD mit Gerhard Schröder die größten Chancen hat, die Bundestagswahl zu gewinnen.Er kann im Gegensatz zu Lafontaine Stimmen aus der Mitte holen.Die Ängste, die sich bei Umweltpolitikern mit seinem Namen verbinden, werden sich in einer rot-grünen Koalition relativieren.TAGESSPIEGEL: Was ist, wenn Schröder den Brandenburger Matthias Platzeck - seit dem Oderhochwasser bundesweit bekannt - in seine Regierungsmannschaft holen will?PLATZECK: Bonn wäre nichts für mich.Ich bin bodenständig.Umweltminister in Brandenburg oder auch das mögliche Oberbürgermeisteramt in Potsdam liegen mir näher.TAGESSPIEGEL: Diese Antwort läßt alles offen, außerdem zieht die Bundesregierung ja 1999 nach Berlin um, so daß Sie Ihre Bodenständigkeit nicht aufgeben müßten?PLATZECK: Erstens sollte man über ungelegte Eier nicht zu laut und zu oft gackern.Und zweitens sich selbst nicht überschätzen.TAGESSPIEGEL: Fühlt sich der frühere Bündnisgrüne Matthias Platzeck, der 1995 der SPD beitrat, in seiner Partei eigentlich gut aufgehoben?PLATZECK: Ich fühle mich sehr gut aufgehoben und es macht mir Spaß, in der SPD zu arbeiten.Auf dem Landesparteitag im Juni werde ich für den Landesvorstand kandidieren.Hinter den bundespolitischen Kernaussagen der SPD stehe ich.TAGESSPIEGEL: Was müßte sich in der Umweltpolitik unter einem Kanzler Schröder ändern?PLATZECK: Um das bisherige Kerndefizit zu beseitigen, ist ein grundsätzlicher Kurswechsel nötig: Es muß endlich den Einstieg in eine ökologische Steuerreform geben, um Arbeitsplätze zu schaffen und die Umwelt zu entlasten.Für mich der einzig tragfähige Weg ins neue Jahrtausend.TAGESSPIEGEL: Läge es da nicht nahe, daß Sie in der Umweltpolitik aktiv bleiben, anstatt für das Oberbürgermeisteramt in Potsdam zu kandidieren?PLATZECK: Die ökologische Steuerreform hängt nicht von mir ab.Außerdem werde ich mich in der SPD weiterhin für eine zukunftsfähige Umweltpolitik engagieren.Was Brandenburg angeht, so sollte Umweltpolitik nicht ausschließlich mit einem Namen verknüpft sein.Wir haben sinnvolle, funktionierende Strukturen geschaffen, die nicht an eine Person gebunden sind.TAGESSPIEGEL: Haben Sie wirklich Lust, Potsdam zu regieren, oder mußten Sie sich mit Ihrer Kandidatur der Parteiräson beugen?PLATZECK: Es war für mich keine leichte Entscheidung, aber ich liebe diese Stadt und das hat den Ausschlag gegeben.TAGESSPIEGEL: Der PDS-Stadtchef Kutzmutz hat Ihnen vorgeworfen, kein Konzept für Potsdam zu haben, außer die Regierungsübernahme der PDS verhindern zu wollen.PDS-Chef Bisky spricht von einer "subtilen Neuauflage der Rote-Socken-Kampagne".PLATZECK: Unsinn.Meine Kandidatur ist eine Kandidatur für Potsdam.Mir geht es um ein Zukunfts-Programm für diese Stadt, nicht um eins gegen die PDS.Und bei allem Respekt: So wichtig ist Herr Kutzmutz nun auch wieder nicht.TAGESSPIEGEL: Das Programm der Stadtväter war bisher, Potsdam als Dienstleistungsmetropole im Wettlauf mit Berlin zu entwickeln.Ein Irrweg?PLATZECK: Natürlich gibt es auch Konkurrenz mit Berlin.Aber in vielen Bereichen kann Potsdam dem großen Nachbar objektiv nicht Paroli bieten.Deshalb sollte sich die Stadt auch darauf ausrichten, partnerschaftlich Funktionen für die Bundeshauptstadt wahrzunehmen.Zum Beispiel im Dienstleistungs- und Kulturbereich.Das könnte neben der Funktion als Landeshauptstadt eine wichtige Säule für das künftige Potsdam sein.Auch für Potsdam trifft zu, was für das ganze Land gilt: Ohne Berlin wird es uns nicht gutgehen.TAGESSPIEGEL: Potsdam hat bei den Berlinern aber offenbar an Anziehungskraft verloren.Nach 1990 pilgerten sie noch in Massen über die Glienicker Brücke nach Potsdam.Inzwischen werden bei Umfragen in Sanssouci oder der Innenstadt immer weniger Berliner gezählt.Offenbar vor allem, weil die Innenstadt wenig attraktiv ist, das Niveau von Handel und Gastronomie nicht ausreicht.PLATZECK: Das ist ein ernstes Problem, wenngleich es viele gute Ansätze gibt.Es lohnt sich, in Potsdams Innenstadt auf Entdeckung zu gehen.Dennoch muß mehr passieren, um Berliner und andere Besucher anzulocken.Es gibt in der Innenstadt Angebotsdefizite.Wir brauchen mehr Qualität, mehr attraktive Angebote.Das kann die Stadt nicht allein bewältigen.Gewerbetreibende, Bewohner, Vermieter müssen mitziehen.Die Touristen sind ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor, von dem die Stadt stärker profitieren kann.TAGESSPIEGEL: Sie haben dies einmal auf die Formel gebracht, Potsdam müsse wieder zum "schönsten und wichtigsten Vorort von Berlin" werden.Andere sprechen vom "Versailles Berlins".Warum empfinden so viele Potsdamer diese Vision eher als eine Bedrohung denn als Chance?PLATZECK: Es ist eine Gratwanderung.Die Mehrheit der Potsdamer lebt nicht im historischen Zentrum, sondern in den Neubaugebieten.Sie sind natürlich zunächst daran interessiert, daß die Lebensqualität in ihrem Kiez besser wird.Das muß jede Stadtregierung ernst nehmen.Nur wenn es sich in den Neubaugebieten gut leben läßt, wird auch die Identifizierung mit der historischen Altstadt und der Kulturlandschaftschaft wachsen.TAGESSPIEGEL: Stimmt es Sie traurig, daß außerhalb das Bewußtsein für das "Gesamtkunstwerk", für das Weltkulturerbe der Schlösser und Parks von Sanssouci größer ist als bei den PotsdamernPLATZECK: Ich glaube, daß ist übertrieben.Die Potsdamer wissen schon genau, daß sie in einer besonderen Stadt leben.Aber es ist etwas anderes, eine Stadt zu besuchen, als den Alltag zu erleben.Was stärker als bisher gelingen muß: Potsdams außergewöhnliche Schönheit in das alltägliche Bewußtsein der Menschen zu bringen, damit sie sich nicht in ihren Kiez zurückziehen.Damit sich auch die Bewohner der Neubaugebiete dafür interessieren, wie es am Alten Markt weitergeht.TAGESSPIEGEL: Warum ist in anderen Städten der Bürgersinn, der Stolz auf Stadt und Gemeinde ausgeprägter als in Potsdam?PLATZECK: Es gibt sicherlich verschiedene Gründe: Es wird auch daran liegen, daß zu DDR-Zeiten mehr Menschen als anderswo zugezogen und die Alt-Potsdamer in der Minderheit sind.Vielleicht spielt auch eine Rolle, daß gerade die Westberliner Bezirke Zehlendorf und Dahlem vor der Haustür liegen und nicht Lichtenberg oder Marzahn.Jeder Mensch neigt zu Vergleichen.Und für Potsdamer ist in den letzten Jahren Westberlin die Vergleichsgrundlage.Das ist in Cottbus anders.Ich beobachte aber seit zwei Jahren eine spannende Entwicklung: Die Bürger mischen sich wieder mehr ein, nehmen Anteil am Schicksal ihrer Stadt.Zum Beispiel in der Bürgerinitiative gegen das Potsdam-Center.Hier beginnt sich so etwas wie eine städtische Gemeinschaft herauszubilden.TAGESSPIEGEL: Potsdam hat sein Gesicht noch nicht wiedergefunden, die Mitte liegt brach.Wie soll es am Alten Markt weitergehen? Sollen Stadtschloß und Garnisonkirche wiederaufgebaut werden?PLATZECK: Das historische Potsdam mit seinen Wahrzeichen, seiner wunderbaren Stadtsilhouette war eine einzigartige Komposition.Es spricht alles dafür, diese Strukturen wiederaufzunehmen, wo es möglich ist.Dabei sollte aber erkennbar sein, daß wir bald im 21.Jahrhundert leben.Der Turm der Heilig-Geist-Kirche ist ein gelungenes Beispiel.Am Alten Markt könnte ich mir vorstellen, daß das Fortunaportal des Stadtschlosses originalgetreu wieder aufgebaut wird, ob sich diese Originaltreue über den ganzen Schloßkörper ziehen muß, ist für mich offen.TAGESSPIEGEL: Warum nicht? Es gibt doch viele Beispiele, wo das gelungen ist.PLATZECK: Unbestrittten.Man sollte darüber einen offenen Dialog führen.TAGESSPIEGEL: Mit dem Schloß könnten viele Potsdamer gut leben, mit dem modernen Betongebirge "Potsdam-Center", das derzeit am anderen Havelufer gegossen wird, kann nicht nur die UNESCO, sondern auch die Mehrheit der Potsdamer weniger gut leben.Die Investoren wollen jetzt die Verkaufsflächen sogar vergrößern.PLATZECK: Diese Pläne gefährden die Lebensfähigkeit der barocken Innenstadt und des Holländischen Viertels.Schon die damals ausgehandelte Handelsfläche von 12 000 Quadratmetern ist für die Innenstadt kaum verkraftbar.TAGESSPIEGEL: Was ist Ihre Vision vom Potsdam der Zukunft?PLATZECK: Ich stelle mir eine Stadt vor, die harmonisch aus der sie umgebenden zauberhaften Landschaft wächst.Eine Stadt, in der möglichst viele Bürger einer sie ausfüllenden Tätigkeit nachgehen können, in deren Wohnquartieren eine hohe Lebensqualität vorzufinden ist.Eine Stadt, in der Bürgermitsprache tägliche Normalität ist.Eine Stadt, die kulturell als Hochburg gilt, als Film- und Medienstadt ohnehin, die als Ort der Wissenschaft einen exzellenten Ruf hat.Eine Stadt die auf Besucher auch wegen ihrer Schlösser, Gärten, Einkaufsmöglichkeiten und der Gastronomie eine magnetische Anziehungskraft ausübt.Und eine Stadt, in der der gute Tabellenplatz von SV O3 in der zweiten Bundesliga montäglicher Gesprächsstoff in den Babelsberger Kneipen ist.

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