Medizin : Kontaktlinsen für Tiger im Zoo

Ein Unternehmen in Hennigsdorf liefert Sehhilfen für Tiere in alle Welt. Tierärzte reisen zu Schulungen aus Japan und Taiwan an.

Matthias Matern

Hennigsdorf Was macht ein Tiger, wenn er nicht mehr sehen kann? Er wartet auf einen Tierarzt, der weiß, wie man Intraokularlinsen für Tiere implantiert und wo sie zu bekommen sind. Vor zwei Jahren hat eine der gestreiften großen Raubkatzen aus einem südspanischen Zoo auf diesem Wege sein Augenlicht zurückbekommen. Veterinäre der Universität Barcelona nahmen sich des Tieres an, das an Grauem Star erkrankt war, wählten eine Telefonnummer in Brandenburg und setzten dem Tier künstliche Linsen aus Acryl ein. "Heute kann der Tiger wieder prima sehen. Er könnte sogar Zeitung lesen“, sagt Christine Kreiner und lacht. Der Behandlungserfolg ist ihr zu verdanken, denn beide Ersatzlinsen sind Produkte ihres Unternehmens. Sie hat sie selbst entwickelt. Vor rund zwei Jahren gründete die 64-jährige Münchnerin in Hennigsdorf die S&V Technologies AG. Heute steht der Name weltweit auch für Hightech-Präparate in der Tiermedizin.

Ob Hund, Katze oder Pferd – zumindest theoretisch könne beinahe jedem Tier geholfen werden, sagt die erfahrene Geschäftsfrau und ehrgeizige Wissenschaftlerin. Die Brandenburger AG ist ihr fünftes Unternehmen. Einige führt sie selbst, andere hat sie ganz oder in Teilen verkauft. "Zwar sind Augen und Sehvermögen der Tiere sehr verschieden, aber eine Linse haben sie fast alle.“ Einzig die Größe setze gewisse Grenze. Mäuse etwa seien so klein, dass ein Eingriff am Auge nur schwer durchzuführen sei. Bei besonders großen Tieren, wie Elefanten oder Nilpferden, bereite die Vollnarkose Probleme. "Aufgrund ihres großen Gewichts dürfen die Tiere nicht sehr lange auf der Seite liegen“, sagt Kreiner. Ansonsten aber haben sich die Hennigsdorfer Intraokularlinsen bereits bei allen möglichen Tierarten bewährt, darunter Löwen, Kängurus, Kaninchen und Seelöwen. Sogar eine Eule kann Dank Kreiners Implantaten heute wieder hervorragend sehen.

Auch Privatpersonen gehören zur Kundschaft

Die Kunden des Unternehmens kommen aus der ganzen Welt. Es sind Privatpersonen, die für ihr geliebtes Haustier keine Kosten scheuen, Pferdezüchter, die in ihr teures Rennpferd investieren und Zoologische Gärten oder Tierparks, die dem Erhalt seltener Tierarten verpflichtet sind. Etwa 10.000 Linsen werden pro Jahr in Hennigsdorf hergestellt. "Wir exportieren in vier Kontinente“, berichtet die promovierte Chemiepharmazeutin Kreiner. Je nach Tierart kostet eine Intraokularlinse rund 100 Euro, der Eingriff um die 2000 Euro. "Der Preis kann aber abhängig vom Aufwand sehr unterschiedlich sein“, erläutert Ingeborg Fromberg, Leiterin des Geschäftsbereichs Veterinärmedizin. Die Wahrscheinlichkeit, dass das liebe Vieh nach der Operation wieder sehen könne, sei aber sehr hoch, liege bei knapp 100 Prozent, meint Fromberg.

Im vergangenen Jahr habe der Umsatz von S&V Technologies bei rund 2,2 Millionen Euro gelegen, sagt Kreiner. Allerdings verdient das Unternehmen nur einen Teil davon durch den Verkauf der Intraokularlinsen für Tiere. Das Unternehmen bietet auch Gewebefüller aus Hyaluronsäure, etwa als Knorpelersatz für Pferdegelenke, Kontaktlinsen mit UV-Absorber für schneeblinde Lawinenhunde und außerdem dermatologische Produkte für Menschen an. S&V Technologies ist bereits das zweite Unternehmen, das Christine Kreiner in Hennigsdorf gegründet hat. Das Investitionsvolumen für dieses Jahr beträgt rund 1,6 Millionen Euro, gut 260.000 Euro davon sind Fördermittel des Landes und der Europäischen Union. Derzeit beschäftigt Kreiner in ihrem neuen Unternehmen 33 Mitarbeiter. Mindestens zwei weitere sollen in diesem Jahr noch eingestellt werden. Doch Fachkräfte zu finden, sei in Brandenburg schwer. "Gut ausgebildete junge Hochschulabsolventen gibt es eher noch. Aber es sind die potenziellen Führungskräfte mit Industrieerfahrung um die 40 Jahre, die fehlen.“

Auch die Chance, in der Nähe einen Tierarzt zu finden, der den komplizierten Linseneingriff beherrscht, ist eher gering. "In der ganzen Region Berlin-Brandenburg sind es vielleicht nur vier oder fünf“, schätzt Ingeborg Fromberg. Deshalb bietet das Unternehmen weltweit gefragte Schulungen an. Die Kurse sind weit im Voraus ausgebucht, die Warteliste ist lang. Die Teilnehmer kommen von weit her – aus Taiwan, Australien, Japan oder Brasilien. Matthias Matern

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