Boxen : Minderjähriger Straftäter: Tod am Einkaufszentrum

Claus-Dieter Steyer

Das Einkaufszentrum am Rande von Frankfurt (Oder) war sein zweites Zuhause. Jetzt endete hier sein Leben, noch ehe es richtig begonnen hatte. Marcel H. wurde 14 Jahre alt. Vorgestern wurde seine Leiche von einer Spaziergängerin auf der Böschung hinter dem Spitzkrug-Multicenter gefunden. Er starb an einer Überdosis von Butan-Gas aus Feuerzeugen. Damit wollte er sich mit seinen Freunden offenbar in einen Rauschzustand versetzen. Doch die Menge war für den jungen Körper entweder zu intensiv oder zu groß.

Die Nachricht vom Tod des Marcel H. verbreitete sich nicht nur in dem riesigen Einkaufszentrum in Windeseile. Frankfurt kennt den Jungen aus einer Vielzahl von Berichten in örtlichen Zeitungen und Rundfunksendern. Als "Brandenburgs berüchtigster Kinder-Gangster" hatte er sich einen zweifelhaften Namen gemacht. Rund 120 Straftaten vermerken die dicken Ordner in der Frankfurter Kriminalpolizei. "Das war schon ein besonderer Bursche", sagt Kripo-Chef Werner Wenzel. "Er hat uns wochenlang in Atem gehalten." So etwas sei in der jüngeren Geschichte einmalig.

Regelrechte Verfolgungsjagden habe sich Marcel mit der Polizei durch die Frankfurter Straßen und die des Umlandes geliefert. "Zum Glück ist nie etwas Ernsthaftes passiert", sagt der Leiter der Kriminalpolizei. "Vom großen Sachschaden natürlich abgesehen." Marcel stahl Autos fast jeder Marke. Erst vor einigen Tagen raste er mit einem geklauten Opel Astra durch Frankfurt. Beim filmreifen Duell mit der Polizei rammte der Junge mehrere parkende Autos. Den Gesamtschaden bezifferten die Versicherungen am Ende auf rund 21 000 Mark. Wer im Ordner die Fälle liest, dem läuft ein Schauer über den Rücken. Zwischen Weihnachten und Neujahr meldete eine alleinstehende Mutter den Diebstahl ihres Autos. Marcel hatte wieder zugeschlagen. Nach einer Spritztour ließ er seine Kräfte an dem Wagen aus. Innen und außen schlug er alles kurz und klein, vermerkt das Protokoll.

Fast täglich fand er auf den Parkplätzen vor dem Einkaufszentrum oder in der Innenstadt seine Opfer. Wie die "Märkische Oderzeitung" kürzlich berichtete, gehörte sogar das Kulturbüro der Stadt zu den Opfern. Der Dienstwagen, in dem sich der neue Veranstaltungskalender befand, wurde von Marcel gestohlen und ausgeraubt. Nur mit den Broschüren konnte der Junge offenbar nichts anfangen. Sie konnten gerettet werden, das Auto nicht mehr.

Der in der Havelstadt Brandenburg aufgewachsene Schüler fühlte sich offenbar sicher. Als Minderjähriger konnte er als strafunmündiges Kind für seine Taten nicht verantwortlich gemacht werden. So nahm er einmal in aller Seelenruhe in einem Möbelhaus einen Schlüssel für einen Opel Astra eines Angestellten an sich. Er probierte so lange an den Autos auf dem Parkplatz, bis sich ein Pkw tatsächlich öffnen ließ.

Auch die meisten gestern befragten Ladeninhaber im Spitzkrugcenter winkten beim Namen Marcel H. ab. Mehrfach hat er Waren gestohlen oder Türen nach Geschäftsschluss aufgestemmt. "Das Diebstahlsortiment ging querbeet", sagte Kripo-Chef Wenzel. "Das reichte von Lebensmitteln bis zu elektronischen Geräten. Hauptsache war, es ließ sich zu Geld machen." Schon lange habe die Polizei vermutet, Marcel sei in Drogengeschäfte verwickelt. Entsprechende Vernehmungen haben stattgefunden.

Auch nach dem 27. Januar, als Marcel 14 Jahre alt und damit nach dem Jugendstrafrecht verurteilt hätte werden können, gingen die Raubzüge weiter. Am vergangenen Wochenende gab die Leitung des Projektes Betreutes Wohnen des Frankfurter Jugendhilfevereins Independent Living eine Vermisstenanzeige auf. In dem Haus hatte Marcel seit dem Herbst vergangenen Jahres gelebt. Mehrere Heimstationen lagen bereits hinter dem Kind. Er war seinen Eltern schon frühzeitig entglitten. Dennoch hatte sich der Jugendhilfeverein noch kurz vor dem Tod zuversichtlich geäußert. Marcel, so sagte ein Heimarbeiter, sei intelligent, aber bisher nur herumgeschoben worden. Er hätte gar keine feste Beziehungen zu einem Menschen aufbauen können.

Noch war gestern nicht klar, ob sich Marcel H. allein in den tödlichen Rausch begeben habe. Die Kripo vermutet die Teilnahme mehrerer Kinder und Jugendlicher an der Aktion. Denn er sei schließlich auch im Einkaufszentrum meist mit Begleitern aufgetreten. Einen Mord schließen Polizei und Staatsanwaltschaft aus.

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