Boxen : Misshandelt: Der kleine Pascal kämpft um sein Leben

Zweijähriger soll vom Freund der Mutter brutal geprügelt worden sein. Experten klagen: Immer mehr sehen bei Gewalt gegen Kinder weg

Sandra Dassler

Strausberg / Berlin. Die Aufzählung gleicht einer Horrorliste: Brüche an Beinen, Rippen und am Schlüsselbein, frische Blutergüsse am Kopf, innere Verletzungen – wie viel kann ein zweijähriger Junge aushalten? Seit vier Tagen kämpft der kleine Pascal aus Strausberg in der Kinderklinik Berlin-Buch um sein Leben. Der Lebensgefährte seiner 20-jährigen Mutter soll ihn am vergangenen Montag so brutal misshandelt haben, dass der Notarzt Pascals Einlieferung nach Berlin veranlasste, weil er dem Jungen nur in einer Spezialklinik eine Überlebenschance gab. Pascals Peiniger sitzt seit Mittwochabend in Untersuchungshaft. Wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) dem Tagesspiegel sagte, hat er die Misshandlungen zum Teil zugegeben, versuche aber, sie zu verharmlosen. Besonders bitter ist, dass das zuständige Jugendamt das Kleinkind nach Hinweisen auf mögliche Misshandlungen der Mutter schon einmal entzogen und in einer Pflegefamilie untergebracht haben soll. Im Bernauer Jugendamt war gestern niemand erreichbar. Die Strausberger Polizei bestätigte aber, dass der 24-Jährige mutmaßliche Täter der Polizei bekannt ist – unter anderem wegen Gewalt- und Drogendelikten. „Was soll man tun – ist halt Milieu“ lautete gestern der Kommentar vieler Strausberger.

Ein Kriminalbeamter, der sich seit vielen Jahren mit Kindesmisshandlungen beschäftigt, kennt dieses Verhalten nur zu gut: „Die Leute schauen weg. Sie ,übersehen’ die blauen Augen, sie ,überhören’ die Schreie, sie wollen nicht in gerichtliche Auseinandersetzungen verwickelt werden. Wir waren bei der Prävention von Kindesmisshandlungen schon mal weiter. Aber jetzt haben die meisten mit ihrer eigenen Situation zu tun. Und natürlich sind es gerade die sozial Schwachen, die ihre Kinder körperlich misshandeln.“ Das bestätigt auch Annelie Dunand vom Sozial-Therapeutischen Institut Berlin-Brandenburg: „Misshandlungen von Kindern, egal ob seelische oder körperliche, sind nach wie vor ein großes Problem. Die Öffentlichkeit beschäftigt sich aber eher mit Fällen des sexuellen Missbrauchs von Kindern, vielleicht, weil das spektakulärer ist.“

2001 gab es nach offiziellen Angaben 103 Kindesmisshandlungen in Brandenburg, in Berlin waren es im gleichen Jahr 267, in Sachsen 124. Alle Experten gehen aber davon aus, dass die Dunkelziffer sehr viel höher ist. Und manches gar nicht erst erfasst wird: Beispielsweise, wenn Eltern ihre Kinder zwingen, Erbrochenes zu essen. Oder stundenlang mit erhobenen Armen zu hüpfen. Da bleiben Wunden – selbst wenn die Opfer, wie hoffentlich auch der kleine Pascal, die körperlichen Misshandlungen überleben.

Kinder und Eltern, die Unterstützung benötigen, müssen sich nicht an die Polizei wenden. Es helfen auch Organisationen wie der „Weiße Ring“ oder Erziehungsberatungsstellen, die das Jugendamt anonym vermittelt.

Opfernotruf: 01803 343434

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