Boxen : "Mit dem Möbelwagen abgestimmt"

MARIA REINHARDT

SCHWEDT .Die Balkonsicht reicht bei klarem Wetter bis weit über die Polder nach Polen.Übers Häusermeer auf Wasser, saftiges Grün und immer mehr herbstlich bunte Farbflecken."Das gibt viele Motive - schon deshalb wollten wir unbedingt hier wohnen bleiben und auch wieder im 10.Stock", sagt Hobbymaler Hans-Dietrich Wannmacher, dessen Aquarelle und Kohlezeichnungen die neue Schwedter Wohnung schmücken.

Ende September ist Familie Wannmacher umgezogen - von der Rosa-Luxemburg-Straße Nr.7 in die Nr.5 des benachbarten Elf-Geschossers, dessen Rundum-Sanierung gerade beendet wird.Ein wenig Wehmut begleitete den Umzugsstreß.1974 hatten sie die Zuweisung für das 53 Quadratmeter große Zwei-Raum-Neubau-Domizil im Stadtteil "Talsand" erhalten, waren begeistert von dem warmen Wasser aus der Wand, von Zentralheizung, Fahrstuhl und Müllschlucker.24 Jahre haben sie sich hier wohlgefühlt.Aber nun steht "ihr" Hochhaus auf der Abrißliste.Schon im nächsten Jahr werden gewaltige Bagger Platte für Platte abtragen.

Der knapp 60jährige einstige Schichtleiter in der Wasserwirtschaft der heutigen PCK AG und seine Frau Monika (58) haben sich ganz bewußt wieder für das Leben im Plattenbau entschieden."Uns kam gar keine andere Variante in den Sinn.Die vielen Geschäfte rundum, die günstige Verkehrsanbindung, der kurze Weg in die Natur, das gesamte Umfeld haben uns den Kiez einfach liebenswert gemacht", sagt Monika Wannmacher.Manche könnten das partout nicht nachvollziehen, aber es gebe auch viele Leute, die es ihnen gleichgetan haben.

Die Leverkusener Straße 2-22 und die Rosa-Luxemburg-Straße 7-17 sind die ersten Hochhaus-Zeilen, die der Abrißbirne zum Opfer fallen.740 Wohnungen werden auf diese Weise noch vor der Jahrtausendwende aus dem Stadtbild getilgt - bis 2015 könnten es sogar zwischen drei- und viertausend sein.Denn schon jetzt haben rund 2500 von den gut 20 000 städtischen Plattenwohnungen keine Mieter mehr.Manfred Wilke, Geschäftsführer der kommunalen Wohnbauten GmbH, berichtet von ca.900 leeren Wohnungen bei einem Bestand von ca.12 000."Die Schwedter haben faktisch mit dem Möbelwagen abgestimmt.Die Wegzüge konzentrieren sich ganz deutlich auf ganz bestimmte Hochhäuser mit großer Bebauungsdichte sowie fehlenden Grünflächen, Spiel- und Parkmöglichkeiten."

1980 hatte Schwedt mit knapp 55 000 Einwohnern seinen Bevölkerungsrekord erreicht; im Jahr der Wende wurden immerhin noch 52 569 Bürger registriert.Inzwischen ist die Einwohnerzahl auf knapp 43 000 gesunken.Umfragen zufolge verlassen vor allem junge Familien wegen mangelnder Jobchancen dieÔ"Perle der Uckermark", wo sich die Arbeitslosenquote gegenwärtig um 26 Prozent einpendelt.Als weitere Ursache der Wohnungskündigungen nennt Manfred Wilke auch den Häuslebau-BoomÕin Schwedt und Umgebung.

Die Schwedter Stadtväter und Stadtverordneten hätten es sich mit der Abrißentscheidung nicht leicht gemacht, sagt Wirtschaftsdezernentin Barbara Rückert.Bereits 1991 wurde die erste Studie über Sanierungsmöglichkeiten in den Plattenbaugebieten vorgelegt.Die "Wohnzufriedenheit" wurde darin analysiert, die Bevölkerungsentwicklung und die des regionalen Wohnungs- und Arbeitsmarktes.Die Sterne über Schwedt stehen aber selbst im besten aller angenommenen Fälle nicht gerade günstig.Das positivste Rechenexempel geht für das Jahr 2010 von rund 40 000 Einwohnern aus, die pessimistischste Voraussage von maximal 35 000.

Da sind die besten Ideen nur ein Tropfen auf den heißen Stein.Im Frühjahr offerierte zum Beispiel die Wohnbauten GmbH ihren Mietern ein interessantes Angebot unter dem Motto "Neues Wohnen im P 2".Dieser in Schwedt dominierende Wohnungstyp - charakteristisch sind fensterlose Küchen mit Durchreiche, innenliegende Bäder und verhältnismäßig kleine Zimmer - soll durch verschiedene Umbauvarianten und sogar Wohnungszusammenlegungen die Lebensqualität erhöhen.An den Kosten beteiligt sich das Wohnungsunternehmen.Über 50 Familien haben bereits einen Antrag gestellt.Die WOBAG hat ein ähnliches Modernisierungsprogramm aufgelegt.Nach Auskunft von Geschäftsführer Helmut Barsch sind 1998 dafür Investitionen von 30 Millionen Mark geplant.Eine Trendwende für die momentane Leerstandsquote von über 11 Prozent ist durch diese lobenswerten Projekte aber auch nicht in Sicht.Mietausfall und laufende Betriebskosten beziffern sich für eine Wohnung auf durchschnittlich 7000 Mark pro Jahr.Millionenverluste kommen so rasch zustande.

Beim Plattenbau-Abriß in größeren Dimensionen - in Schwedt sagt man dazu Rückbau - hat die Stadt in den neuen Bundesländern eine Pilotfunktion.Daß die Kritiker langsam weniger werden, liegt nach Rückerts Meinung an der guten Kooperation zwischen der Kommunalverwaltung und den beiden Wohnungsbauunternehmen.Nach anfänglichen, hitzigen Debatten in den Mieterforen hätte es sachliche Beratungsgespräche in den Projektbüros gegeben; Jeder Umzügler bekommt eine Finanzspritze für den Umzug.Zudem hätten sich Schwedter Bau- und Wirtschaftsfachleute in Städten mit ähnlichen Problemen umgesehen: Hoyerswerda, Guben, Eisenhüttenstadt und Leipzig.Im Mai dieses Jahres war Schwedt Gastgeber für eine Konferenz zum Thema.

Mitte September beschloß die Stadtverordnetenversammlung den etappenweisen Abriß.Eine Sprengung wie kürzlich in Eisenhüttenstadt wird es allerdings nicht geben."Erstens bestände die Gefahr, naheliegende Trinkwasserleitungen zu zerstören.Und zweitens ist der beschlossene Rückbau auch nicht teurer", sagt die Wirtschaftsdezernentin.Die für die ersten 740 Wohnungen veranschlagten 15 Millionen Mark Abrißkosten sollen zu je einem Drittel von der Stadt, dem Land und dem Bund getragen werden.

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